Dienstag, 8. August 2017

Auf der EXPO in Kasachstan

Gelangweilt scrolle ich im Facebook hin- und her, bis eine Anzeige meine Aufmerksamkeit erregt: Mitarbeiter für die EXPO in Astana für 4 Monate gesucht. Deutsch, Russisch, Englisch-Kenntnisse notwendig, Kasachisch-Kenntnisse erwünscht. Das ist doch genau der Job für meine Freundin, damit sie der Berliner Tristesse entfliehen kann. Sie war einer Meinung und ein paar Wochen später einen kasachischen Arbeitsvertrag in der Tasche. Natürlich musste ich versprechen sie dort zu besuchen.

Kasachstan, was weiss man über das Land? Ex-Sowjetunion, Diktator Nazarbajev, der schon während der Sowjetzeit der Oberste Parteibonze war, die neueste Hauptstadt der Welt Astana, ein Radsportteam, der ausgetrocknete Aralsee, Bajkonur-Weltraumbahnhof, viele Russland-Deutsche, die während des Zweiten Weltkriegs dorthin von der Wolga verschleppt wurden, da hört das Wissen bei mir schon auf. Meine Mitarbeiter liessen noch Borat grüßen, wobei (wie ich später gelesen habe) Sasha Baron Cohn nie in Kasachstan gewesen war und alle Filmabschnitte, die in Kasachstan gespielt haben sollen, in einem Romadorf in Rumänien gedreht wurden. Aber ich habe noch mein Besuch in Uzbekistan vor 14 Jahren in schlimmer Erinnerung, damals gab es noch kein Blog, deswegen könnt ihr nicht nachlesen, was ich da alles erlebt habe und ich fürchtete insgeheim, dass in Kasachstan es nicht viel anders aussieht, schliesslich ist es ein stan-Land und die sind ja alle gleich, nicht wahr?

Andererseits, wenn man die Bilder von der EXPO gesehen hat, die riesige Kugel, die Gebäude drumherum, das sah schon fantastisch aus, so gar nicht passend, was man sich sonst vorstellt. Nun, ich war sehr gespannt, als ich die Tickets für eine ein-wöchige Reise kaufte.

Der Flug geht über Warschau und schon der erste Flug ist um 1 1/2 Stunden verspätet, also habe ich für den Umstieg in Warschau knapp 20 Minuten Zeit. Kurz vor dem Ende des Fluges werde ich in die Businessklasse gebeten, damit ich als erster rausspringen und zum Gate sprinten kann. Die Tür öffnet sich, die polnischen Flughafenmitarbeiter erklären gähnend, dass der Flug nach Astana mind. 2 Stunden Verspätung hat. Typisches Glück im Unglück, wie so häufig. Um neun Uhr morgens bin ich dann in Astana gelandet. Die Zeitverschiebung beträgt übrigens vier Stunden.

Als erstes versuche ich am Flughafen eine Wechselgeldstube zu finden, doch ich scheitere. Wie soll ich den Taxifahrer bezahlen, der mich zum EXPO-Gelände fahren soll? Doch zum Glück gibt es Geldautomaten, die mir ohne Probleme Tenge ausspucken. Für die russisch-sprachigen unter Euch, nach was hört sich das kasachische Wort Tenge an? Leider ist der Tenge einer sehr hohen Inflation unterworfen, in knapp 2 Monaten waren es 10%, was für das Gehalt meiner Freundin recht schlimme Folgen hat. Aber das kümmert mich erstmal nicht, ich steige in ein offizielles Taxi ein und da ich keine Ahnung habe, welche Sprachen der Taxifahrer so spricht, versuche ich es erstmal in unverfänglichen Englisch. Er scheint mich irgendwie zu verstehen und wir fahren zu der Kugel los, die man auch schon aus dem Flugzeug sehr gut sieht. Auf dem Weg stelle ich doch fest, dass er Russisch spricht und wir unterhalten uns über alles mögliche.

Am Eingang zu der EXPO-Village, wo die ausländischen EXPO-Mitarbeiter untergebracht sind, wird es mir doch mulmig und um die Kommunikationsmöglichkeiten einzuschränken, wechsle ich wieder ins Englische, was zumindest in Russland wunderbar klappt. Doch mir fällt die Klappe runter, als der Taxifahrer und der kasachische Polizist sich auch auf Russisch unterhalten. What the hell, ihr seit Kasachen, ihr seid seit 25 Jahren unabhängig, warum spricht ihr im Gottes Namen in der Sprache der Okkupanten! Jeder Este würde vor Scham sterben, wenn er mit einem anderen Esten auf Russisch sprechen würde! Doch in Kasachstan ticken die Uhren anders. Kasachisch und Russisch sind beides Staatssprachen und es gibt sogar eine Bezeichnung Asphaltkasachen, für Kasachen, die in der Stadt leben und Russisch sprechen, vielleicht auch, um sich von den Steppekasachen abzugrenzen. Und es wird sich auch nicht so schnell ändern, denn mit ihren Kindern sprechen sie auch Russisch, es ist generationsübergreifend. Kasachstan möchte zwar von dem kyrillischen Alphabet loskommen und lateinische Buchstaben einführen, vielleicht wird es in ferner Zukunft Auswirkungen auf die Verbreitung der russischen Sprache in Kasachstan haben, aber momentan kann man davon ausgehen, dass wenn man Russisch spricht, man zumindest in NordKasachstan verstanden wird, ob das auch für die englisch-sprachigen Reisende gilt, würde ich nicht beschwören, aber alle Schilder sind vorbildhaft in Kasachisch, Russisch und Englisch beschriftet, so was habe ich nicht mal in der Schweiz gesehen.

Ich unterhalte mich mit dem Polizisten auf Englisch, er spricht sehr passabel und erklärt mir, warum es überhaupt dazu kam, dass Astana gebaut wurde. Vor 19 Jahren hiess das Städtchen noch Zelenograd, der Name kommt von dem russischen Wort Zelena und erinnert an ein kommunistisches Projekt aus den kasachischen Steppen das Brotkorb Sowjetunions zu machen, es wurden sehr viele Freiwillige aus ganz Sowjetunion geschickt, um Agrarwirtschaft im Norden der damaligen Kasachischen Sowjetrepublik zu betreiben. Der Plan scheiterte, aber der ganze Norden Kasachstan blieb von Russen bevölkert und Nazarbajev hatte die Sorge, dass Russland das zum Anlass nehmen könnte, den kasachischen Norden zu annektieren, denn es war da nichts kasachisch, die Grenzen der Stans wurden in den 20-er Jahren recht willkürlich von Stalin festgelegt, was damals nicht wirklich eine Rolle spielte. Wie man jetzt weiss, waren die Sorgen durchaus berechtigt, aber damals beschloss Nazarbajev die im Süden liegende alte Hauptstadt Alma Aty zu verlassen und quasi vom sauberen Blatt anzufangen und sich eine neue Hauptstadt zu errichten. Nicht ganz unwesentlich war auch der Fakt, dass Nazarbayevs Stamm auch aus dieser Gegend stammt, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass die Entscheidung sich als 100%ig richtig erwiesen hat, wenn man ein komplett neues Staat bauen möchte, sollte man mit einer neuen Hauptstadt beginnen, dann ist man befreit vom geschichtlichen Ballast (ähnlich wie Bonn in der Nachkriegs-BRD), was manchen Ex-Völkern der Sowjetunion vielleicht auch geholfen hätte.

Astana liegt in der offenen Steppe, deswegen jeder Windstoss, jede Wolke jagen ungehindert durch die Stadt durch, es ist ein kontinentales Klima, im Sommer können es +40 C, im Winter -40 C herrschen, aber die Wetterbedingungen sind immer noch besser als in Dubai oder Riad. Astana beansprucht für sich das „Herz des Euroasiens“ zu sein, momentan trifft es noch nicht ganz zu, aber man ist auf dem besten Weg dorthin. Die Stadt wächst wie ein Hefekloss, überall sind Kräne, die neue Businessgebäude und Wohnblöcke in verschiedenen Stilen errichten, da ist von Italien über Frankreich, bis Deutschland und China für jeden Geschmack was dabei. Es werden architektonische Wunderwerke errichtet, wie die Bibliothek, das neue Bahnhof, der Zirkus und viele andere. Die Bevölkerung wächst auch, die Kasachen ziehen vermehrt nach Astana, alles ist neu, alle sind neu, niemand kennt sich so recht aus, auch Googlemaps und Yandex sind keine wirkliche Hilfen, nur die 2GIS-App scheint sich zurechtzufinden. Das Verhältnis zwischen Kasachen und Russen hat sich umgedreht, jetzt leben schätzungsweise 80% Kasachen in der vormals russischen Stadt. Die Frage, die mir niemand beantworten konnte/wollte: während in Dubai und Saudi Arabien die ganzen Bauarbeiten hauptsächlich von Gastarbeitern aus Indien/Pakistan erledigt wurde und die Urbevölkerung schliesslich zur Minderheit wurde, habe ich keine Gastarbeiter in Astana gesehen, übrigens ebensowenig wie Bettler. Auf die Frage, wer denn das alles gebaut hat, fragen mich die Taxifahrer, ob ich von der ausländischen Presse sei. Meine Vermutung ist, dass viele Gastarbeiter aus den Nachbar-Stans kommen, vor allem jetzt, wo sie in Russland nicht mehr viel verdienen können. Sie sehen Kasachen ähnlich und sprechen auch Russisch, sind deswegen für einen Amateur wie mich schwer zu erkennen.

Angekommen falle ich erstmal ins Bett, um mich von der Strapazen des Nachtflugs und der Zeitverschiebung zu erholen, gegen Abend fahren wir dann in die Stadt. Die neuen Busse sind schon mit kontaktlosen Cardreadern ausgerüstet, die aber noch nicht funktionieren, die spottbilligen (9 Tenge) Fahrkarten werden beim Kontrolleur bezahlt. An den breiten Strassen herrscht reger Verkehr, aber Staus sind auch recht häufig. Auf einem Bauzaun sehe ich die Ankündigung einer moderner Stadtbahn, wann sie eröffnet wird, kann ich nicht sagen. Wir fahren an Wolkenkratzern vorbei, die in der Nacht hell beleuchtet sind, die Werbung auf den Häusern ist hauptsächlich kasachische Banken und andere Unternehmen, ausländische Investoren haben sich noch nicht so breit gemacht, dass sie offen Werbung auf Hochhäusern für sich machen, aber ich denke, dass ist eine Frage der Zeit. Die Stadt macht einen sehr sauberen Eindruck, es gibt viele Ampeln, die meisten halten sich auch daran. Wie gross ist der Unterschied zu Tashkent, wo jede Strassenüberquerung zum Spiel „der schnellere überlebt“ wurde!


Einer der größten Flaggstöcke der Welt

Wir besuchen die kasachische Ausgabe von Lego-Land, wo alle kasachischen Sehenswürdigkeiten in Miniatur nachgebaut wurden. Als Überblick ganz gut geeignet um mehr über Kasachstan zu lernen.


Das Kaspische Meer


Baikonur


Alma Aty


ALZHIR (Beschreibung weiter unten)


Astana

Es ist nämlich das 9-größte Land der Welt und hat ziemlich alle Naturrohstoffe, die man abbauen kann, so ist Kasachstan der weltgrößte Förderer von Uranerzen und ist unter den 20 größten Erdölförderern, dasselbe gilt für Kupfer und Gold. Die meisten Bergbaufirmen sind in staatlicher Hand, es gibt aber auch Joint-Ventures mit ausländischen Firmen. 10% der Energie werden durch Wasserkraft gewonnen, denn es gibt im Süden viele Bergflüsse und erst 1% wird durch erneuerbare Energien erzeugt, womit wir direkt bei dem Thema der EXPO wären, doch dazu später mehr. Kasachstan ist ein moslemisches Land, was angesichts der reichlichen Auswahl an Alkoholika (das man allerdings nach 22:00 nicht mehr kaufen kann) und hot-pants tragenden Mädels nicht immer vorstellbar ist, aber die vielen moslemischen historischen Moscheen und Grabtempel, die überall übers Land verstreut sind, zeugen dies. Es gibt auch zwei grosse Moscheen in Astana, die ich nicht besucht habe, Muezzin hört man nicht und die Arbeit wird auch nicht zum Gebet unterbrochen. Im Westen grenzt Kasachstan an das Kaspische Meer, es gibt allerdings keine Erholungsorte dort, es wird lediglich nach Öl gebohrt, deswegen weiss ich nicht, ob es empfehlenswert ist, in der Nähe zu baden. Der Aralsee ist noch nicht ausgetrocknet, hat sich aber in zwei Teile geteilt, das kasachische und das usbekische. Während das usbekische Teil noch weiter austrocknet, regeneriert sich der kasachische Aralsee, es gibt wieder Fische, die Staubbelastung hat abgenommen. Im Süden Kasachstans ist das Tian Shan Gebirge mit dem 7010m - hohem Khan Tengri.


Multi-Kulti-Kasachstan


Ein typisches deutsches Haus in Kasachstan

Einen Sonderplatz nimmt eine Ausstellung der Architektur Kasachstans ein, denn man ist ein multikulturelles Land und verschiedene Ethnien haben verschiedene Baustile. Ob sie wirklich alle so in Kasachstan zu finden sind, wage ich zu bezweifeln, aber auf jeden Fall ist es eine starke Aussage.

Abends besuchen wir die astanische Fressmeile, es sind 6-7 Restaurants in Gebäuden, die die jeweilige Küche repräsentieren. Wir gehen zum Usbeken, ich esse das Nationalgericht Beshbarmak, es sind gekochte Pferdefleisch- und Lammstücke mit viel Zwiebeln und Kartoffeln auf Nudelblättern. Sagen wir, es ist nicht das leckerste Nationalgericht, aber recht füllend. Pferdefleisch ist übrigens keine Seltenheit, wie in Kazan, sondern überall zu haben, genauso wie Pferdemilch (Kumys) oder Pferdekäse (Kurt), wobei beide sehr sauer sind, man muss es mögen. Kamelmilch hätte es auch gegeben, habe ich nicht probieren können.


An Bushaltestellen gibt es solche Wände, wenn man QR-code einscannt, bekommt man das Buch oder Hörbuch kostenlos aufs Handy

Am nächsten Morgen fahren wir mit einem modernen Elektrozug nach Borowoje (vom russischen Bor = Wald) oder auf kasachisch Burabai (Bura = Kamel, Bai = Herrscher). Nach drei Stunden Fahrt durch die malerische Steppe kommt man einem kleinen Städtchen an, von wo man mit Kleinbus dann zum Kurort hingebracht wird. Burabai wird auch die Perle Kasachstans genannt und um die Entstehung dieser Landschaft ranken sich zahlreiche Legenden, zum Beispiele die, als Gott aus einem Sack den einzelnen Völkern verschiedene Landschaften gab, bekamen die Kasachen nur flache Steppe. Sie waren etwas beleidigt und fragten Gott, ob er ihnen nicht noch etwas anderes geben könnte, andere Völkern haben Berge und Seen und Wälder bekommen. Da war der Sack aber schon leer, also kramte Gott etwas herum und fand kleine Überreste von allem und daraus entstand dann Burobai. Der höchste Berg in Burabaj ist Kökschetau (kasachisch „Blauer Berg“ mit der Höhe von 947m), es gibt 14 größere Seen und das ganze ist ein Nationalpark. Bekannt sind zahlreiche Felsformationen, mit genügend Phantasie kann man alle möglichen Tiere darin erkennen und es sind wiedermal viele Legenden damit verbunden. Burabai war ein Kamel, das die Leute, die in der Gegend wohnten durch lautes Brüllen vor Gefahren warnte. Aber seine Feinde lauerten ihm auf und verletzten ihn mit Pfeilen. Das Kamel lief zu dem See Borowoje, um das heilende Wasser zu trinken, brach aber zusammen und seitdem heisst ein Berg Burabai. Es gab auch kleine Kamele, die vor Trauer zu Stein wurden, sie kann man auch in der Umgebung finden.


Berg mit ruhendem Elephanten


Okzhetpes


Zhumbaktas

Auch gibt es eine Legende um den Felsen Okzhetpes (kasachisch für „Kein Pfeil reicht soweit“). Als der Khan Abylaj von seinen Eroberungen zurückkehrte, hatte er eine wunderschöne kalmykische 17-jährige Fräulein dabei, die er als Kriegsbeute seinen Kämpfern zur Frau geben wollte. Das Fräulein durfte den künftigen Ehemann selbst auswählen, aber sie kletterte auf den Felsen, wedelte mit ihrem Tuch und meinte, dass nur derjenige, der mit dem Bogenpfeil diesen Tuch trifft, ihr Ehemann werden wird. Der Felsen war zu hoch, die Pfeile flogen nicht weit genug. Am Ende wollte die Kalmykin wohl keinen Kasachen zum Mann und warf sich vom Felsen in den See. An der Stelle ihren Todes erstand der Sphinx-Felden Zhumbaktas, der ganz anders aussieht, je nachdem von welcher Seite man ihn betrachtet.


Borowoje-See


Tanzende Birken

Burabai ist nicht nur unter den Astanern beliebt, auch die Einwohner vom russischen Omsk kommen gerne über die Grenze wegen der sauberen Luft, aber auch wegen den Preisen. Für ein vernünftiges Hotelzimmer zahlten wir 33 EUR/Nacht, das Frühstück schlug mit 2 EUR zu Buche. Aus irgendeinem Grund liegt im Zimmer eine Liste mit allen Hotelgegenständen, wo die Preise angegeben sind, was man zahlen muss, wenn man es kaputtmacht. Es scheinen recht viele Rockstars sich in diese Gegend zu verirren.

Man kann aber auch auf die Sowjetart privat übernachten. Es gibt zahlreiche Ausflüge, die man auf der Strasse buchen kann, nach einer kleinen Erkundungsfahrt, buchten wir am nächsten Tag den Aufstieg auf die 750m hohe Hexenrutsche, ein glatter, steiler Hang auf dem Wohl die Hexen den Berg runterrutschen.


Der goldene Adler repräsentiert alle Völker Kasachstans

Unser Führer Erlan machte es sich auf die sowjetische Art und Weise recht einfach, er geht voran, der Rest muss schauen, wie man hinterherkommt. Den Weg als solchen gab es nicht, es war recht rutschig, für einen erfahreneren Bergwanderer war der Aufstieg gut machbar. Als Erlan erfahren hat, dass wir aus den Alpen kommen, wurden wir zu seinen Lieblingsphotoobjekten.

Wider Erwarten kamen wir und alle anderen heil runter und wir machten noch ein Spaziergang am Ufer des Sees.


Wem dieser Denkmal gewidmet war und warum der im See versenkt wurde, wird man wohl nicht mehr feststellen können

Geschäftstüchtige Händler verkaufen Maiskolben, Eis, und alle möglichen Erzeugnisse aus Fleisch im Teig. Auch für Bespassung ist gesorgt, entweder wird man mit Gummiseilen in die Höhe katapultiert, oder man zieht sich eine Okulus-Rift an und setzt sich auf eine Schaukel, der gelangweilte Vorführer schaukelt einen hin und her und selbst brüllt man wie am Spiess, weil man gerade in die Untiefen einer 3D-Achterbahn runtergeschleudert wird.

Wem das nicht genug ist, kann in eine 7D-Vorführung gehen, es ist wie 3D, aber noch mit Wind, Wasser und Schwänzchen???!!! Leuten mit ganz harten Nerven ist der Besuch im örtlichen Zoo empfohlen, Tiere werden da unter solch erbärmlichen Bedingungen gehalten, dass nur der hartherzigste nicht sofort anfängt Pläne zu schmieden, wie man sie in einer Nacht-und-Nebel Aktion befreien kann.

Am dritten Tag buchen wir eine Geländefahrt mit einem russischen SUV, uns werden drei Badeseen und drei Pfützen versprochen und das Versprechen wird voll eingehalten. Dickärschige Murmeltiere springen uns aus dem Weg, wir halten uns an allem fest, an was wir können, es macht tierisch Spass.

Am See Majbalyk kann man vom Boden sulfidhaltiges Schlamm holen und sich damit einschmieren. Man riecht entsprechend, aber es muss einfach gesund sein. Abends nehmen wir den überregionalen Zug nach Astana zurück. Ich fahre zum ersten Mal in einem leeren Platzkartenwaggon, wo jahrezehntealter menschlicher Schweiss eine recht besondere Duftnote verleiht.


Baustelle einer Skisprungschanze in der kasachischen Steppe

Wieder in Astana, widme ich den nächsten Tag der EXPO. Das Motto der EXPO ist Energie in all ihren Ausprägungen. Dabei muss man wissen, dass es die grosse EXPO gibt, wie zuletzt in Mailand, die 7 Monate dauern und die kleinen EXPOs dazwischen, also ist die EXPO in Astana eine kleine und dauert 3 1/2 Monate. Es wird trotzdem mit mehreren Millionen Besuchern aus dem In- und Ausland gerechnet. Man sieht, dass Kasachstan sehr stolz ist, diese EXPO ausrichten zu können. Überall im Land sieht man EXPO-Plakate, es wurde sehr viel zur EXPO gebaut, ein internationales Flugterminal, ein super-modernes Bahnhof, ganze Stadtviertel der EXPO-Village, die danach als normale Wohnhäuser dienen werden und natürlich das EXPO-Gelände selbst mit dutzenden von Pavillons und der Kugel, die nach dem Willen des Architekten das letzte Tropfen Öl repräsentieren soll.


Eingang zum Vatikanpavillon

Es sind Pavillons von 110 Ländern dabei, angefangen von Vatikan mit psychedelischsten Show über den Urknall, wo vor dem Eingang der Johannes Paul II in seinen letzten Atemzügen sich mit Nazarbayev unterhält, bis zu USA und Russland ist alles dabei. Selbst solche kleine Länder wie Saint Lucia, Belize, Sri Lanka, Palau, Kiribati und Tuvalu sind vertreten, vielleicht ist hier der Gedanke, dass diese Länder am meisten von dem Klimawandel betroffen sind und deswegen sich präsentieren dürfen. Allerdings viel mehr als ihre Landwirtschaftserzeugnisse und dürftige Tourismusbroschüren waren nicht da.


Als Präsentationshilfen waren VR-Brillen sehr beliebt

Estland ist übrigens nicht dabei, obwohl sowohl Finnland, als auch Lettland und Litauen sich präsentieren.

Die schlitzohrigen Finnen stellten sich als das ideale Transitland für das Nordeuropa dar, denn Kasachstan ist ein Teil der neuen Seidenstrasse und über Russland können die Waren dann nach Finnland und von dort nach Westeuropa transportiert werden. Das Baltikum braucht ja kein Transit, wie ein gewisser estnischer Ministerpräsident mal behauptet hat.

Mehr oder weniger alle Länder zeigten ihre Bemühungen regenerative Energien zu nutzen. Die Ausnahmen waren Turkmenistan, wo unter der Führung des neuen Turkmenbashi alle Öl- und Gasreserven angezapft werden, USA, wo irgendwas von Energie des Geistes erzählt wurde und Russland, das schwimmende Atomkraftwerke vorgestellt wurden, die die nördliche Städte Russlands mit Energie beliefern werden. In den nördlichen Städten wird nach Öl und Gas im Arktisschelf gebohrt und von dort wird mit LNG-Schiffen das Gas zum Verbraucher abtransportiert. Auf die Frage, wer den russischen LNG überhaupt kaufen wird, bekam ich keine Antwort.


Streichle den Amurtiger!


Streichle den Eisberg!


Streichle den Gzhel!

Chinesen setzen zwar auch auf regenerative Energien, sind aber überzeugt, dass sie in der Lage sein werden, einen heissen Fusionsreaktor produktiv einzusetzen. Ich habe da so meine Zweifel, aber wenn sie es tatsächlich schaffen, dann können sie sich als die führende Nation auf der Welt bezeichnen, denn dann gehören alle Energieprobleme der Menschheit der Vergangenheit an.

Eine ziemliche Enttäuschung war der Pavillon aus UAE, dabei sind sie als nächste dran, das heisst wenn das ein Vorgeschmack war, was die EXPO in Dubai bieten wird, dann kann man sie ruhigen Gewissens auslassen. Sehr authentisch waren die Inder, die die Hälfte ihres Pavillons zum lauten Markt umfunktioniert haben, um indisches Schnickschnack zu verscherbeln.

Sehr gefallen hat mir das österreichische Pavillon, wo ein ausgelassener Kindergeburtstag gefeiert wurde, mit bunten Windrädern, elektrischen Fahrrädern, Luftballonen, Schaukeln und was alles sonst noch kinetische Energie erzeugt. Die längsten Schlangen waren vor dem chinesischen und südkoreanischen Pavillons. Der Preis für die besten Hostessenkleidung bekommen die Niederlande mit Piet Mondrian-Design. Die süssesten Hostessen waren Japanerinnen, die auf Russisch sich mit den Besuchern unterhielten. Überhaupt war die Sprache recht flexibel, manche Vorführungen waren auf Kasachisch, andere auf Russisch, wieder andere auf Englisch.

Sehr gut besucht war das deutsche Pavillon und es war auch für mich das informativste, allerdings war die Lockerheit eines österreichischen oder Schweizer Pavillons nicht da, typische deutsche Strenge. Eine Attraktion war der BMW i8, der nicht angefasst werden durfte, aber da haben die Usbeken in ihrem Pavillon eine passende Antwort (wenn auch wahrscheinlich nicht serienreif).


Die usbekische Antwort auf den i8

Und dann gibt es im deutschen Pavillon eine Lasershow, die aus meiner Sicht kaum was mit dem Thema Energie zu tun hat, aber auf Instagram-Bildern bestimmt effektvoll aussieht. By the way, Instagram ist das beliebteste soziale Netzwerk in Kasachstan, überall findet man Instagram-Adressen, denen man followen (oder wie nennt man das bei Instagram?) soll.

Aber die Kugel schlägt natürlich alles. Nach dem Reingehen fährt man erstmal in den achten Stock und zwar mit Fahrstühlen, die man aus iRobot Film kennt und hat von oben erstmal einen perfekten Blick auf Astana.

Man steigt von oben nach unten und sieht sich auf jedem Stockwerk eine Ausstellung zu bestimmter regenerativen Energie an, wobei man mit Weltall anfängt (man darf nicht vergessen, Kasachstan hat Bajkonur, von wo der erste Mensch in den Weltall geflogen ist) und bis zu Geothermie sich runterhangelt.


Ilon Musk nimmt mal wieder den Mund voll

Alles sehr beeindruckend. Abends wird auf die Kugel eine Multimediashow projiziert, aus den Springbrunnen sprühen brennende Fontäne, es ist eine Energieverschwendung par excellence, aber ganz hübsch anzusehen.

Am nächsten Tag beschliesse ich mir Astana anzuschauen. Das Stadtzentrum besteht aus einer Achse am einen Ende ist das Einkaufszentrum Khan Shatyr, das wie eine umgedrehte Glühbirne aussieht, am anderen Ende ist das Präsidentenpalast und in der Mitte ist Bayterek Tower, das Symbol Astanas.


Präsidentenpalast


Bayterek

Einer Sage nach legte der legendäre Vogel Samruk ein Ei in die Baumkrone. Daher symbolisiert das Gebäude einen „Baum“ mit einem 22 Meter im Durchmesser messenden Ei an der Spitze. Der um den Baum befindliche blaue Himmel spiegelt die friedliebende Natur des Landes wider und der rote Ring, welches alle Elemente umgibt, symbolisiert den alten Glauben der Turkvölker von Wiedergeburt, Wachstum und Entwicklung.

Es ist ein Arbeitstag in Astana, die Strassen sind aber nur wenig bevölkert, es herrscht ein angenehmes Wetter, die Leute sind freundlich, man kann richtig spazieren gehen, etwas, was in Dubai gar nicht geht.


Auf dem Plakat werden Unternehmer, deren Firma zu oft kontrolliert wird, aufgerufen, sich zu melden

Wenn ich die Wahl hätte, würde ich Astana eindeutig bevorzugen. Was noch auffällt ist das Fehlen von Propaganda. Russland-erfahren hätte ich erwartet das Gesicht des Diktator-Präsidenten auf jeden Tritt und Schritt zu sehen, auf Plakaten, T-Shirts, Büchern. Absolute Fehlanzeige, es soll irgendwo ein Nazarbayev-Museum geben und auf der EXPO sah ich in einem Video, wie er Präsidenten aus anderen Ländern empfängt und Turkmenbashi mit offenem Neid sich die Kugel anschaut. Dazu muss man wissen, dass die Turkmenen Guiness-Buch-der-Rekorde-geil sind, in ihrem Pavillon gibt es einen Stand, wo nur darüber berichtet wird, welche architektonischen Leistungen von ihnen in Guiness Buch der Rekorde stehen. Kann sein, dass es auf dem Land anders aussieht, aber die Verehrung von Nazarbayev wird durch die Verehrung seiner Hauptstadt ausgedrückt, eines Abends werden wir Zeugen eines kostenlosen Konzerts am Bayterek, wo alle Gesangbeiträge sich nur um den Ruhm der Hauptstadt handeln.

Was nicht so positiv ist, ist das Problem mit der Post. Es ist nahezu unmöglich Postkarten und Briefmarken zu kaufen. Ich muss zur Hauptpost in der Stadt gehen, mir werden Briefmarken für 210 Tenge für Postkarten nach Europa verkauft. In Karaganda (ich greife vor) erzählt man mir, dass die Briefmarken für die Postkarten nach Europa 160 Tenge kosten. Das alles ist noch verkraftbar, das Problem ist es, die fertig frankierten Postkarten einzuwerfen, neben der Hauptpost gibt es noch ein Briefkasten am nationalen Terminal im Flughafen, der aber sonntags geschlossen ist! Also drücke ich 5 Euro der Dame am Informationsstand in die Hand, sie ist merklich überfordert, hat wohl noch nie eine Postkarte abgeschickt und bitte sie am Montag die Postkarten einzuwerfen. Ich bin sehr gespannt, ob auch nur eine Postkarte beim Empfänger ankommen wird, ich habe mich jedenfalls bemüht.

Abends gehen wir auf ein Konzert der amerikanisch-iranischen-türkischen Gruppe Niyaz, die mit viel Multimedia, Sufi-Tanz und arabischen Gesang uns in Schlummer-Modus versetzen. Überhaupt wird sich sehr um das kulturelle Programm bemüht, es kommen weltbekannte DJs und Bands vorbei, nur das Besucherinteresse läßt zu wünschen übrig. Nach dem Niyaz-Konzert findet noch ein kostenloses Konzert eines kasachischen Symphonieorchesters statt, der mit traditionellen Instrumenten spielt, um 22:00 Uhr, also kurz vor Schluss, springen Tänzer auf die Bühne und fangen an das Ballett Shaherizada aufzuführen.

Als sie damit fertig sind, applaudieren die wenigen verbliebenen Zuschauer artig und verschwinden, damit sie noch den letzten Bus erwischen, denn nichts ist in Astana in walking distance.

Wir stehen wieder früh auf und fahren zum neuen modernen Bahnhof, um den Zug nach Karaganda zu erwischen. Es gibt ein Spruch im Russischen: Где, где? В Караганде? (Wo, wo? In Karaganda), um seine Genervtheit über blöde Fragen zu verdeutlichen. Seit Kasachstan nicht mehr ein Teil von der Sowjetunion ist, wissen immer weniger und weniger Russen, wo sich Karaganda eigentlich befindet, es existiert angeblich ein Video auf YouTube, wo bei einer Umfrage in Russland, Karaganda in Afrika verortet wurde. Bevor wir uns über die Russen amüsieren, bin ich mir nicht sicher, ob auch nur 1% der Deutschen die Existenz dieser Stadt auch nur vermutet. Dabei kommen recht viele der kasachischen Russlanddeutschen genau aus der Gegend von Karaganda, denn hier sind die Kohlebergwerke, wo die Deutschen von der Wolga nach ihrer Umsiedlung durch Stalin 1941 schuften mussten.

Das neue Bahnhof Nurly Zhol wurde erst am 1. Juni eröffnet, aber ein paar Teile werden noch on the fly dazugebaut, so ist der Haupteingang noch gar nicht offen. Doch es ist eine architektonische Meisterleistung und wenn man Kasachen, besonders vom Land in die Augen schaut, kann man den Stolz sehen, dass ihr Land jetzt so ein Aushängeschild hat.

Mit einem modernen Elektrozug fahren wir wieder durch die weite Steppe, vorbei an künstlichen Pyramiden aus aufgeschichtetem Gestein aus Kohleschachten nach Karaganda.

Das erste was einer merkt, wenn er aus dem Zug steigt, ist beissender Kohlegeruch, wie bei einem heftigen Smog in Indien. Dabei ist der Himmel blau, die Häuser sind farbenfroh, es ist also Geruch ohne den Staub, das aus Dresden eine schwarze Stadt machte.


Der Bahnhof in Karaganda


Oben pfui, unten hui


Das Denkmal den Kohlearbeitern

Wie das funktioniert, weiss ich auch nicht und die Einwohner, die ich gefragt habe, wussten nicht, was ich mit dem Geruch meine, sie riechen es schon längst nicht mehr. Heute wird nicht mehr sozialistisch malocht, sondern kapitalistisch ausgebeutet, die Schachten gehören dem indischen Konzern ArcelorMittal und anstatt Lenin steht Bukhar Zhirau am Leninprospekt.


Auf dem Hügel, wo früher ganz bestimmt Lenin stand, steht jetzt Abai, einer der berühmtesten kasachischen Dichter

Der Reiseführer hat Karaganda als häßliche Stadt voller Industrieruinen beschrieben, aber wir fanden ein emsiges kleines Städtchen vor, mit vielen Stalinbauten und Denkmälern sowohl für die Kohlebauarbeiter als auch für die Weltraumfahrer, denn hier landeten sie und wurden in ein Krankenhaus in Karaganda zur Beobachtung geschickt, bevor sie wieder nach Hause durften.

Wir besuchen ein Umweltmuseum, wo uns über die unterschiedlichen Umweltschäden sowohl von der Raumfahrt, als auch von dem Atomtestgelände in Semipalatinsk erzählt wird, und schauen, dass wir die Stadt wieder verlassen.

Das geschichtliche Selbstverständnis der Kasachen im XX Jahrhundert geht so: nach dem Zerfall des russischen Reiches, herrscht in den südlichen Gebieten ein Bürgerkrieg zwischen den Kommunisten und den Anhängern der Alash-Partei, die ein muslimischen Staat errichten möchte. Nachdem der Bürgerkrieg verloren war und die Gebiete an Sowjetunion angegliedert wurden, entstand nach einigen Wirren 1925 die Kasachische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik. Durch die Kollektivierung und den Versuch die Nomaden sesshaft zu machen, brach eine gewaltige Hungersnot aus, ca. 38% der Kasachen starben, viele flohen nach China, Korea und andere Länder, wo bis heute größere kasachischen Communities leben, die man versucht, wieder nach Kasachstan zu holen. Spätestens nach dem Ausbruch des Großen Völkerländischen Krieges, als Hitler Sowjetunion angegriffen hat, wurde Kasachstan zum Rohstofflieferanten, als auch zu Fertigungsstätte für kriegswichtige Erzeugnisse, denn es war weit genug weg von der Frontlinie. Es wurden Arbeitskräfte gebraucht, also wurden freiwillig und unfreiwillig hunderttausende, wenn nicht Millionen Leute umgesiedelt und zum Arbeitseinsatz verpflichtet. Besonders tragisch war der Schicksal der vertriebenen Völker, also Russlanddeutschen, Krimtataren, Tschetschenen und anderen, die in Lagerhaft lebten und unter unwürdigen Bedingungen Arbeitseinsatz leisten mussten.

Doch eine Geschichte ist noch trauriger, es ist die Geschichte der Frauen in ALZHIR (Акмолинский Лагерь Жён Изменников Родины = Akmolinsk Lager für die Frauen der Heimatverräter). Es war also ein Lager für Frauen, deren einzige Schuld darin bestand, dass sie Frauen, Schwestern oder Töchter von Leuten waren, die des Heimatverrats beschuldigt wurden, und wie wir wissen, war das zu Stalinzeit recht einfach gewesen, des Staatsverrats beschuldigt zu werden. Insgesamt waren bis zu 8.000 Frauen interniert, darunter Schwestern von Marshall Tuchatschewskij, die Mutter von der bekannten Tänzerin Maja Plesizkaja, Frau vom Schriftsteller Boris Pilnyak. Falls die Frauen Kinder hatten, sobald sie drei Jahre alt wurden, wurden sie in Kinderheime abgegeben, Augenzeugen beschreiben die Atmosphäre in den selbstgebauten Baracken, dass immer irgendjemand heulte und nach Kindern verlangte. Erst 1958 wurde das Lager geschlossen.

Unterschiedliche Ex-Sowjetrepubliken haben unterschiedlich auf ähnliche Geschichten reagiert. Während die baltischen Länder sich als Opfer der Okkupation sehen und die Ukraine behauptet, dass Holodomor ausschliesslich dazu diente die Ukrainer als Nation auszulöschen, und deswegen äußerst russophob agieren, argumentieren die Kasachen, dass nicht das russische Volk für das Verbrechen der Stalinära schuldig ist, sondern das stalinistische Regime die Schuld trägt. Es wird die Menschlichkeit der Kasachen betont, die nichts dafür können, dass die Vertriebenen nach Kasachstan gebracht wurden, aber ihnen nach Möglichkeiten geholfen haben. Exemplarisch ist die Geschichte, als die Alzhir-Gefangene am See von kasachischen Kindern mit Steinen beworfen wurden. Erst waren die Frauen schrecklich enttäuscht und beleidigt, weil sie auch noch von der örtlichen Bevölkerung als schuldige angesehen werden, als eine Frau ausrutschte und mit der Wange einen dieser Steine berührte und feststellte, dass es Kurt war, ein Käse aus Pferdemilch. Also sammelten sie heimlich die Steine auf und assen sie dann in den Baracken.


Die Kurt-Geschichte wurde von der deutschen Gefangenen Gertrud Platais aufgeschrieben

Der 31. Mai ist in Kasachstan der Tag der Erinnerung an die Opfer von politischen Repressionen. Nazarbayev sagte dazu folgendes: Durch Gewalt und Grausamkeit kann man der Menschheit weder das Erblühen, noch die Harmonie, noch Progress aufzwingen. Das ist die wichtigste geschichtliche Lehre, die wir lernten und an die wir uns immer erinnern müssen.

Jetzt wurde am Platz des ehemaligen Internierungslagers ein Memorial errichtet. Von Astana fährt der Bus 301 jede Stunde nach Akmol oder Malinowka.


Kasachischer Friedhof auf dem Weg nach Malinowka

Am Eingang sieht man ein Transportwagen, in denen die Verhafteten quer durchs Land geschickt wurden.

Auf der anderen Seite des Memorials stehen typische Barracken, die mit Schilf beheizt wurden, der aus dem nahegelegenem See herbeigeschafft werden musste. Im Museumsgebäude wird im Erdgeschoss die jüngste Geschichte Kasachstans erzählt, im ersten Stock dann die Geschichte Alzhirs. Hinter dem Museum ist eine schwarze Mauer mit den Namen der repressierten Frauen aufgebaut. Es ist eine Anklage, aber es ist kein Okkupationsmuseum alá Baltikum oder Osteuropa. Deswegen ist es mir komplett unverständlich, warum es keine Gedenktafel von der russischen Botschaft an die russischen Frauen gibt, die hier repressiert wurden.


Alleine 4390 Russinnen wurden als Gefangene gezählt

Andere Botschaften, wie Deutschland, Frankreich, viele Ex-Sowjetrepubliken haben Gedenksteine hierher gebracht, aber obwohl die Anzahl der repressierten Russinnen und anderer Nationalitäten aus Russland mit weitem Abstand überwiegt, bringt es die russische Botschaft nicht fertig auch ein Gedenkstein aufzustellen.

Wieder zurück in Astana besuchen wir den Nationentag von Japan. Jedes Land auf der EXPO hat einen eigenen Nationentag, zu dem deutschen ist Steinmeier persönlich angereist und jedem Mitarbeiter eine Präsidententasse zum Geschenk gemacht. Die Japaner feiern im feinsten Hotel der Stadt, es gibt Sake aus quadratischen Schachteln, panierte Würstchen und Käsestäbchen und natürlich auch Sushi. Die Reden der verschiedenen Gouverneure gehen im allgemeinen Gemurmel unter, das Nationentage ver/gewöhntes Publikum wusste gar nicht mehr, was es miteinander reden soll, man kannte sich schon von mehreren ähnlichen Veranstaltungen und was neues zu besprechen gab es wohl nicht. Als Gastgeschenk gab es ein vier-farbigen Kugelschreiber, wie sie schon man Anfang der 90er modern waren.

Was kann man abschliessend zu Kasachstan sagen? Ich war nur eine Woche da und habe eigentlich nur die Hauptstadt und ein Kurort als Tourist erlebt, deswegen weicht meine Meinung erheblich von denen ab, die dort geboren wurden, oder längere Zeit verbracht haben. Auch habe ich andere Vergleiche zur Hand, in meinem Leben habe ich schon einiges gesehen. Mir hat Kasachstan sehr gefallen, es ist ein reiches Land und hat ein riesiges Potential. Neben den ganzen Bodenschätzen ist die Lage sehr günstig, es ist ein neuralgischer Punkt zwischen Ostasien, Europa, Russland und Indien, die neue Seidenstrasse wird durch Kasachstan verlaufen, es wird sehr viel Geld in logistische Infrastruktur investiert. Europa muss aufpassen, dass es nicht nur Chinesen sind, die in Kasachstan investieren. Kasachstan führt eine richtige Politik gegenüber solchen Nachbarn wie Russland durch, einerseits ist die Politik russlandfreundlich, Russisch ist die zweite Staatssprache und das Land bezeichnet sich als multinational, andererseits werden richtige Zeichen gesetzt, wie die Gründung der Hauptstadt im Norden des Landes, um die Ansprüche darauf zu verfestigen. Natürlich ist Kasachstan vom europäischen Demokratieverständnis weit entfernt, aber zumindest vom Personenkult alá Putin habe ich nichts bemerkt, eher ist der Gründer Singapurs Lee Kuan Yew als Vorbild gesehen, zumindest gab es einige Bücher über ihn in Bücherläden. Das Land hat auf jeden Fall einige handfeste Vorteile gegenüber UAE und Saudi Arabien, deswegen gehe ich davon aus, dass die Entwicklung weiterhin steil nach oben geht und der Anspruch das Herz Eurasiens zu sein bald Wirklichkeit wird.

Keine Kommentare: