Sonntag, 22. Mai 2011

Moskau im Frühling 2011

Hatte wiedermal eine Geschäftsreise nach Moskau, diesmal endlich mal im Mai und nicht wie immer im Winter, deswegen ganz andere Eindrücke. Bin wieder übers Wochenende geblieben, um etwas von Moskau mitzunehmen.

Anreise: Im Flugzeug einen Marktforschungstypen kennengelernt, der mir einen Termin mit Vorstand von Metro-Future-Store versprochen hat. Mal sehen, was so ein Versprechen wert ist. Kam sehr spät an und wunderte mich, dass eine Frau als Taxifahrerin mich abholte. Habe nichts gegen Frauen als Taxifahrerinnen, nur muss man seine Koffer dann selbst schleppen. Die erste halbe Fahrtstunde wurde über Russland geschimpft, wie nichts funktioniert, wie die Strafzettel für Geschwindigkeitsüberschreitungen zwar ausgestellt werden, aber der Mechanismus fehlt, um das Geld auch einzusammeln, wie der Techosmotr (AutoTÜV) zwar 20 Jahre alte Zhiguli durchlässt, aber 5 Monate alte in England gebaute KIAs irgendwarum nicht. Nach dem Geschimpfe kam heraus, dass sie Programmiererin ist und vor einiger Zeit nach Florida hätte auswandern können. Doch ist sie sich sicher, dass sie nach einer Woche Heimweh bekommt und wieder nach Moskau will.

1. Tag: Ich wohne in Park Inn SADU in Mitte von Moskau, ein Hotel für ausländische Businessreisende mit Preisen von 200 EUR die Nacht. Für Internet auf dem Zimmer muss man extra zahlen und Frühstück ist zwar OK, aber die Auswahl recht bescheiden. Im Fernsehen gibt es nicht mal meinen Lieblingskanal 2x2 mit Zeichentrickfilmen. Alles in allem langweilig und überteuert, aber zumindest die Lage ist sehr gut mit einer Sicht auf den Denkmal für Peter I, (der neuer Bürgermeister wurde sehr populär, als er versprochen hat, das Denkmal abzureissen, doch er steht immer noch). Das Viertel ist auch sehr schön mit vielen Kirchen, in der Nähe ist die Tretjakowaskaja Galerie (in der ich noch nie war) und auch Office meiner Firma. Abends Spaziergang in Ismaelowskij Park, der mit Recht von sich behauptet der schönste Park in Moskau zu sein. Man ist im Wald, es gibt ein paar Seen, die mit anbrechender Dunkelheit in Nebelschwaden eingehüllt werden, sieht sehr romantisch aus. Meine Begleitung erzählt mir, dass sie jetzt seit 2 Tagen im Ministerium für Sport und Tourismus arbeitet, nicht mehr gefeuert werden kann und auf viele Delegationsreisen ins Ausland hofft.

2. Tag: Besuch bei meinem Freund Anton, einem Journalisten für russische Computerzeitschriften. Pelmeni und Salat eingekauft. Flucht und schimpft auf die Mächtigen, möchte auswandern, wie auch viele besserverdienende Leute, wie er erzählt.

3. Tag: Fahrt mit Auto nach Zelenograd. Stehen zwar ein bisschen im Stau, kommen ansonsten gut durch. Mein Fahrer Anatoli hat das Georg-Bändchen im Auto, also Symbol des Sieges über Nazi-Deutschland. Es gibt viele Leute, die das Bändchen tragen, man kann sie gar nicht einer Gruppe zuordnen. Es soll auch Extrembeispiele geben, die auf ihrem Mercedes G-Klasse einen roten Stern und die Aufschrift "Auf nach Berlin" pinseln. Abends geht es dann in die Oper, die Mainacht von Rimski-Korsakov in Stanislavski-Theater. Wie immer in russischen Opern sehr aufwändige Bühne, die Stimmen von Sängern sind eher mittelmäßig, die etwas dämliche Schwägerin scheint eine Timoschenko-Parodie zu sein. Die Tickets sind übrigens recht billig, 1000 Rubel, also ca. 22 EUR für 6. Reihe.

4. Tag: Anatoli hat keine Zeit, also muss ich alleine nach Zelinograd. Ich nehme den Bus. Gefühlte 40 Grad, keine Klimaanlage, ich bin im Anzug und Krawatte und fühle mich dem Hitzschlag nahe. Nicht weit von mir sitzt/schläft ein Besoffener, den es bei jeder Kurve auf den Boden wirft, die Mitfahrenden helfen ihm wieder auf den Sitz, dabei läuft ihm irgendwas aus der Brusttasche. Der Busfahrer meint, dass er mit Motorrad unterwegs ist und überholt den Stau auf der Standspur. Ich steige am Platz der Jugend aus, ein Handy funktioniert nicht, das andere Handy wählt die Nummer des Kollegen, der mich abholen soll, doch es meldet sich eine Oma aus Deutschland (und das trotz 007-Vorwahl). Mit viel Glück ein Taxi gestoppt und gerade noch rechtzeitig zu meinem Termin gekommen. Die Kollegen erzählen mir, dass die Regierung beschlossen hat die Bildung in den Schulen kostenpflichtig zu machen, nur 4 Fächer, wie Sport bleiben frei. Also frei nach Hitler ein Sklave muss nur etwas rechnen und schreiben können, sonst wird er aufmüpfig. Dieses Jahr sind eigentlich Wahlen und in jedem demokratischen Land würde die Partei, die sowas vorschlägt sofort abgewählt werden, aber wie man mir erklärt ist Russland nicht umsonst Vorreiter bei der elektronischen Stimmenauszählung. Ausserdem erzählen sie mir von einem Kunden, der für mehrere Millionen Euro Ausrüstung für Chipproduktion in Deutschland gekauft hat, jetzt ist diese Ausrüstung schon seit zwei Jahren in Amsterdamer Hafen, aber es gibt vom Staat kein Geld, um sie nach Russland zu transportieren. Als Kritik laut wurde, dass die teuere Ausrüstung unsachgemäß gelagert wird, wurde eine Expertise eingeholt, dass die Lagerung sachgemäß ist. Wann und ob sie jemals Russland erreicht, steht in den Sternen. Für den Rückweg nehme ich die Elektritschka (Elektro-zug). Mir gegenüber sitzt Vladimir, ein Fallschirmjäger, der am Kaukasus-Krieg teilnahm und textet mich mit seinen Kriegserlebnissen zu, wobei es keine Heldensagen sind, sondern wie es wirklich war, anstatt Siedlungen durchzukämmen und in jeden Hof einzubrechen, den Hund zu erschiessen und eine Handgranate in den Keller zu werfen, zog man lieber in benachbartes Wäldchen zurück und grillte. Ich ziehe in das Ismaelovo Hotel um. Ist weiter weg, aber viel billiger und authentischer (und es gibt 2x2 im Fernsehen).

5. Tag: Endlich freier Tag, ich schlafe aus, habe super Frühstück und gehe in den Biblio-Globus Bücherladen. Die Auswahl ist grundsätzlich umwerfend, aber alle Neuerscheinungen, die ich haben möchte, haben sie nicht. Blättere in einem deutschen Buch in dem Russland ein latenter Hang zur Anarchie bescheinigt wird. Mein nächstes Ziel ist der MMOMA (Moscow Museum of Modern Art), doch auf dem Weg dorthin sehe ich ein Schild und finde mich vor dem Bulgakows Haus wieder, dort wo Hundeherz spielte, wo Master und Margarita geschrieben wurde, wo Woland wohnte.


Briefe für den Meister

Ich steige die Treppen hoch, die Besucher haben auf Wänden Zitate aus Büchern hinterlassen.


"Bittet niemals um etwas! Niemals und niemanden, vor alem keinen, der stärker ist als Ihr. Man wird Euch alles von selbst offerieren und geben."


"Leser, mir nach! Wer hat Dir gesagt, dass es auf der Welt keine richtige, treue, ewige Liebe mehr gäbe? Man solle dem Lügner seine dreckige Zunge abschneiden! Leser, mir nach und ich zeige Dir diese Liebe!"


"Handschriften brennen nicht!"


Woland

Ich betrete die Wohnung und bin hin und weg von der fetten Katze, die auch noch Begemot heisst (die Leser von Master und Margarita wissen wovon ich spreche).


Begemot



Wieder draussen finde ich doch das Museum der modernen Kunst, ich bin der alleinige Besucher in einem 4-stöckigen Haus, gerade läuft eine Ausstellung von Jurij Zlotnikov, einem Maler, der dafür sorgte, dass in Zeiten von Sowjetrealismus, der Anschluss an die abstrakte Kunst des Westens nicht verloren wurde. Zlotnikov beschäftigte sich viel mit Mathematik und Informationübertragung, einige seiner Bilder aus den 50-ern sehen aus, wie Chiplayouts. Danach spaziere ich mit Anatolij und seiner Familie in Kolomenskoje. Dort hat man einen Zarenpalais aus 1618 wiederaufgebaut. Es ist alles aus Holz, sehr schön bemalt.





Nebenbei erklärte man mir schliesslich, warum die Zarenbetten so kurz waren, Peter der Erste, der ein wahrer Riese gewesen sein soll, schlief in einem Bett, das kaum länger als einen Meter war. Damals schlief man sitzend, denn man glaubte, dass die Seele jede Nacht den Körper verlässt und wenn man liegt, dann weiss die Seele nicht, ob man nicht schon tot ist, deswegen bleibt man lieber sitzen. Sonst ist dort auch ein sehr schöner Park, man schaut auf den Moskwa-Fluss, es gibt auch weisse Kirchen, wunderbarer Spaziergang.



Abends dann Konzert von Ljapis Trubezkoj, eine Band aus Weissrussland, der Sänger denkt wohl, er wäre der Nachfolger von Majakowskij und proklamiert ständig Gedichte von Jedi-Rittern, dem Kampf für das Gute und Bruderschaft zwischen allen Gläubigern aller Religionen und Nationen. Ansonsten wird Ska mit Punk-Rock gespielt, die Menge pogt, ich bin mittendrin, wobei meine Alltags-Kleidung die Leute eher abschreckt. Fertig, durchgeschwitzt aber glücklich erwische ich einen der letzten Metrozüge und falle ins Bett.


Fertig aber glücklich in Moskauer Metro

6. Tag: Ausschlafen, frühstücken, auf dem Ismaelowskij Markt shoppen. Viel Antiquariat, wobei neben Schrott auch silberne Teekannen für 500 Euro verkauft werden. Einen Spaziergang immer wert. Anton begleitet mich zum Flughafenzug.

Montag, 10. Januar 2011

Silvester in Bratislava

Nach der guten alten Tradition des Silvesterfeierns möglichst weit von den heimischen vier Wänden haben wir uns dieses Jahr für Bratislava entschieden. Warum Bratislava? Nachdem Istanbul ausgebucht war und Alternativziele wie Beirut oder Baku sich als wenig realistisch herausgestellt haben, haben wir uns für Bratislava entschieden. Ist nicht weit weg, keiner war jemals dort und wissen tut man über die ehemalige Pressburg recht wenig. Ich war fester Überzeugung, dass Slowaken noch Kronen haben, doch wurden wir mit Euros empfangen. Meine russischen Freunde kannten Bratislava vor allem aus zwei Filmen Eurotrip, in dem doofe amerikanische Backpacker in Bratislava für $1,38 ein 5-Gänge Menü bekommen und Hostel, wo doofe amerikanische Backpacker von blutrünstigen Slowaken zu bratislavischen Fleischspezialitäten verarbeitet werden. Angeblich drehte auch Kusturica in Bratislava, aber keiner weiss welche Filme. Was die obengenannte Filme angeht, so sind die Klischees als billiges Backpackerparadies schon passé, für $1,38 bekommt man mit viel Glück einen Hamburger bei McDonalds und die meisten Übernachtungsmöglichkeiten sind 50 EUR / Nacht aufwärts. Die Ausnahme von der Regel ist das Hostel Kyjev, das 70er Jahre Sozialismus-charme versprühendes 15-stöckiges Gebäude mit einem Trabi im Eingangsbereich und extrem billigen Frühstücken. Im Reiseführer über Slowakei wird Bratislava 5 Seiten gewidmet, es gibt aber österreichische Reiseführer nur über Bratislava, die, wie wir herausgefunden haben, recht fehlerhaft sind.

Ankunft

In Bratislava kamen wir mit dem Zug aus Wien an. Wien ist eine Stunde entfernt, Der Bahnhof ist wie eigentlich alle osteuropäische Bahnhöfe, man könnte sich auch in Polen oder baltischen Staaten meinen, als man den Zug verlassen hat.



Bibbernd vor Kälte, nicht ohne uns vorher verlaufen zu haben, erreichten wir dann unser Film-Hotel, wir wohnten in Julia Roberts Zimmer, unser Begleiter in Tom Hanks.

Erster Eindruck

Bratislava ist eine 500.000 Leute Hauptstadt, eigentlich sollte man dazu schon Metropole sagen, doch in diesem Fall ist es doch etwas zu hoch gegriffen.



Es sind viele Wolkenkratzer gebaut worden, bei manchen hat man den Eindruck, dass die gesamte Bevölkerung Bratislavas bequem Platz darin gefunden hätte. Das interessanteste Gebäude ist der slowakische Rundfunk, das eine eiserne auf dem Kopf stehende Pyramide ist. Auf den Strassen war recht wenig Verkehr (vielleicht wegen den Feiertagen), aber pulsierendes Leben einer Hauptstadt ist hier nicht zu spüren. Eine imposante Erscheinung ist die Burg, die in den 60-er Jahren gebaut wurde, laut Reiseführer sieht sie aus wie ein umgedrehtes Ehebett, doch für uns sah es aus einfach wie ein riesiges Ehebett mit 4 Türmchen an den Ecken.



Die Burg ist übrigens leer bis auf eine kleine Ausstellung. Die Altstadt ist recht gross, doch viele Häuser noch nicht restauriert, so dass die Erscheinung etwas uneinheitlich ist. Überall stehen Messing-Statuen von Menschen rum, einer schaut aus der Kanalisation heraus und freut sich sichtlich, wenn Passanten über ihn stolpern.

Die Sprache

Slowakisch wurde laut dem Fremdenführer dadurch gebildet, dass eines Tages ein Dialekt von einem Vorort einer unbekannten Stadt zu einer eigenen Sprache erklärt wurde. Die Sprache ist dem Russischen sehr ähnlich, auf jeden Fall einfacher zu verstehen und zu sprechen als Polnisch. Slowakei war teil der Österreich-Ungarischen Monarchie, Verhältnis von deutsch-sprechenden Touristen zu allen anderen ist ca. 50-50, also sollte man eigentlich denken, dass recht viele Leute Deutsch sprechen und verstehen würden. Doch offenbar sind alle deutsch-verstehenden Slowaken längst in Wien, denn ausser ein paar Kellnern, sprach keiner deutsch, englisch war auch nicht jedermanns Sache, selbst in der Touristeninformation verständigte man sich teilweise mit Händen und Füssen.

Die Geschichte

Wie wir aus einem Kinderbuch erfuhren, gab es wohl ein grossmährisches Reich. Irgendwann fielen die Türken nach Ungarn ein und die ungarische Hauptstadt wurde nach Bratislava verlegt. Der zu krönende Prinz musste komplizierte Umwege in der Altstadt laufen, bis er endlich gekrönt war, setzte sich auf sein Pferd und sah Bratislava nie wieder. Es gab ein paar nationale Volkshelden, die allesamt tragisch geendigt haben. Ausserdem trieb die Gräfin Bathory ihr Unwesen, aus irgendeinem Grund mochte sie keine Jungfrauen und verarbeitete sie zu bratislavischen Fleischspezialitäten (evtl. Inspiration für Hostel). Napoleon zerstörte die Burg und unterzeichnete im Rathaus den Frieden mit Österreich-Ungarn, nachdem bei der Schlacht von Austerlitz die russischen, preussischen und österreichischen Armeen ordentlich vermöbelt wurden. Nach den Wirren der 1850er Jahre wuchs und gedeihte Pressburg als ordentliche k.u.k Stadt mit der slowakischen, jüdischen, deutschen Bevölkerung, die Wiener fuhren zum Heurigen dorthin, die Pressburger fuhren in die Oper nach Wien und umgekehrt. Im zweiten Weltkrieg hat Slowakei auf der Seite von den Achsenmächten ihr Territorium als judenfrei gemeldet, doch 1944 kam das Erwachen und ein Aufstand. Schliesslich wurde Anfang 1945 Bratislava von der Roten Armee eingenommen, die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben, 1949 wurde Slowakei sozialistisch, 1990 kapitalistisch, 2003 EUropäisch und 2009 sogar EUROpäisch. Sonst ist nicht viel passiert. Selbst nach Studium von Wikipedia und Fremdenführer, habe ich mich an keinen berühmten Slowaken weder in der Kunst, noch in Literatur, noch in der Wissenschaft, noch in der Politik, noch im Sport erinnert. Einige Sympathien verdiente sich die slowakische Fussballmannschaft bei der WM 2010, als sie die Italiener rauskickten.

Das Essen

Slowakische Küche vereint in sich österreichische, ungarische und böhmische Elemente und zwar die gehaltvollen Teile. Sehr gut schmeckt die Knoblauchsuppe in Brotkruste, als zweiter Gang ist Gulasch oder Schnitzel zu empfehlen und als Nachtisch Palatschinken oder Mohnudeln. Sehr gut sind Kuchen oder heisse Schokolade in den drei Cafés am Hauptplatz, auch wegen der jugendstilhaften Interniere ist ein Besuch sehr zu empfehlen. Etwas nervig sind die Geiger, die in jedem touristischen Keller-Restaurant spielen. Slowaken haben ganz guten Wein und trockenen Hubert-Sekt.

Der erste Tag

Zuerst gehen wir den Präsidentenpalast anschauen. Zuerst müssen wir lange überlegen, wer der Präsident von Slowakei ist. Das Palais wird von zwei Husaren bewacht, also gehen wir in den Garten, von dem man über die Glasscheibe das Fuhrpark des Präsidenten bewundert werden kann. Das Gerücht, dass der Präsident mit einem Ford Ka fährt bestätigt sich teilweise. Dass Slowakei keine hohen Steuern erhebt sieht man am Zustand des Gartens, ein paar Häuser, die dort angrenzen, gehören dringend gestrichen oder abgerissen.

Der Stadtführer empfiehlt mehrere Spaziergänge, also beschliessen wir die Bauhaus-Architektur auf den Hügeln rund um Bratislava uns anzuschauen. Also klettern wir auf die Hügel und schauen uns die Villen an, die teilweise Botschaften sind (Bratislava ist bestimmt C-Location für Botschafter, wobei C für Chill steht), andere gehören slowakischen Bonzen und Briefkastenfirmen. In keiner anderen Stadt habe ich so viele schmale Briefkästen mit phantasievollen Namen von Beratungs-, Consulting- und Joint Venture Firmen auf blankpoliertem Messing gesehen.



Ganz oben ist das Denkmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten und eine Kopie des Weissen Hauses, in dem G.W. Bush schon mal übernachtete und sich wohl wie zu Hause fühlte, wenn es nur den riesigen lauten Nachbarshund nicht gäbe. Nach dem Besuch des etwas verwilderten protestantischen Friedhofes, wo ein Grabsteinwackler dringend notwendig wäre, damit die alten Omas nicht von runterfallenden Grabsteinen erschlagen werden, schauten wir uns die halbleere Burg an.

Der zweite Tag, Silvesterfeier

Versuch den Krönungsweg nachzugehen, als Orientierung sollten die kleinen Kronen auf dem Weg als Richtungsweiser dienen, nur teilweise erfolgreich. Besuch im Haus des Buches, dem wohl größten Bücherladen in Bratislava. Leichtes Entsetzen beim Durchschauen des Regals mit den Geschichtsbüchern. Viktor Suvorov, der von der Süddeutschen Zeitung als Holokaustleugner bezeichnet wurde, steht mit mind. 10 Büchern in der obersten Reihe. Darunter mehrteilige Biographien von Goebbels, viele Bücher über Hitler, SS und andere NS-Organizationen. Bei den fremdsprachigen Büchern fällt das Buch eines russischen in Bratislava lebenden Schriftstellers auf, der schon auf der ersten Seite bedauert, dass Sowjetunion nicht ganzes Europa nach dem 2. WW besetzt hat.

Ab 17.00 Uhr geht das Silvesterkonzert auf der Bühne am Hauptplatz los. Leider verpassen wir viele Auftritte, in Erinnerung bleibt der Auftritt der Pressburger Klezmer Band. Ist auf jeden Fall ein Statement, so eine Band als Headliner auftreten zu lassen, die die verlorene jiddische Kultur an einem Silvesterabend aufleben lässt.





Über der Donau werden Tausende Lampions steigen gelassen und pünktlich um 24.00 geht das Feuerwerk los. Leider ist es so neblig, dass nach den ersten Schüssen nur eine Rauchwolke zu sehen ist, die sich manchmal grün, manchmal blau und selten rot verfärbt. Wir schlürfen den Sekt und tanzen bis 2 Uhr nachts auf der Strasse mit ausgeflippten Slowaken. War bisher die beste von von einer Stadt organisierte Feier.

Der dritte Tag

Die Slowaken feiern ihre Unabhängigkeit von den Tschechen im Jahr 1993. Uns wird angedroht, dass alles in der Stadt geschlossen ist, deswegen fahren wir nach Devin Castle, eine von Napoleon zerstörte Burg an dem Zusammenschluss von Donau und Morave.





Sehr imposante Erscheinung auf einem hohen Hügel, die für Slowaken ein Ort der nationalen Identität darstellt. Entsprechend viele Schülergruppen waren dort ungeachtet des Feiertages.

Der vierte Tag

Tag der Abreise, deswegen nur ein Kurzausflug in noch nicht erforschte Stadtgebiete.







Eine sehr schöne Elizabeth-Kirche, die im Jugendstil erbaut wurde und innen und aussen wie eine Wolke aussieht. Schneller Kaffee am Bahnhof und der Zug fährt uns zurück nach Wien und von dort nach München.

Samstag, 6. November 2010

Drei Tage K. und K.

Grüß Gott in Wien, in der Stadt in der:

- Breakdancer zur klassischen Musik vor dem Strassenpublikum tanzen
- In dem Stefphansdom Rezepte für Apfelstrudel verkauft werden



- Toten aus aller Welt und aller Konfessionen säuberlich getrennt, aber am selben Friedhof liegen











- man am Friedhof endlich mal die Orientierung hat, wer wo begraben liegt



- man "er nahm die 71er" sagt, wenn man meint, dass jemand gestorben ist (die Tram zum Friedhof hat die Nummer 71)
- griechisch-katholische Kirche der Exilukrainer neben der Gallerie für urkainische sowjetische Realitätsmalerei steht
- die U-Bahn ausgezeichnet ist, jede Station ist in Farbe der Linie gehalten, die Züge kommen alle 5 Minuten und sind sehr sauber





- das berühmteste Riesenrad der Welt steht, in dem man Candelight-Dinner haben kann



- man einen riesigen Vergnügungspark hat, der am Samstag abend kaum besucht ist, so dass man alle Attraktionen fahren kann, für die man am Oktoberfest stundenlang anstehen muss und sie das doppelte kosten
- in der Peterskirche kostenlose Orgelkonzerte gibt
- der Wienerschnitzel wirklich gross ist und ohne Pommes gegessen wird



- man in Militärmuseum gehen muss, um die Geschichte des Landes zu begreifen



- der Pfarrer der Kaiserjübiläumskirche haarklein erzählt wieviel die Gottesdienste kosten, um Leute zu Spenden zu bewegen und danach über Halloween-Gebräuche der Amerikaner lästert ("Ich liebe die Amerikaner, aber ihr Zeug können sie behalten")



- man sich ernsthaft frägt, wie die 1,8 Mio Einwohner die ganzen prächtigen Gebäude in Schuss halten können
- man die Bilder von Sissi sieht auf denen sie auch mal nicht so hübsch aussieht, aber natürlich noch mehr mit engelsgleich mit Diamantensternen im Haar
- die Wiener Werkstätten wirklich hübsche Kunstwerke zu guten Preisen verkaufen
- die linke Szene recht stark ist, zumindest der Anzahl der Aufkleber und Poster nach zu urteilen





- farbiges Kraut als Zierde auf Blumenbeeten gezüchtet wird





- Baustellen nach Kunst aussehen

Natürlich gibt es viel mehr über Wien zu erzählen, aber in drei Tagen kann man gar nicht so viel erleben.

Sonntag, 5. September 2010

Can you say AY-uh-fyat-luh-YOE-kuutl-uh?

Wer das noch ncht kann war wohl noch nicht in Island, dort word es einem recht schnell beigebracht. Ich war mit einer Reisegruppe (23 Leute, 4 Pärchen, 2 Single-Männer, der Rest Single-Frauen, neue Pärchenbildung war dennoch nicht zu beobachten und an Männern lag es nicht, Zitat von Fantastischen 4: "Wenn's um Frauen geht werden Männer schizophren"). Wir waren dort 14 Tage mit einem Hochland-tauglichen Bus unterwegs, am besten fange ich chronologisch an.

Lange vor der Reise:
Nachdem wir schon im März gebucht haben, wurde Island auf einen Schlag berühmt, der Eyjafjallajökull brach aus und legte den Flugverkehr lahm. So wussten wir auch nicht, ob wir überhaupt hinkommen werden und die Kollegen haben schon ihre Scherzchen gerissen, doch ich hatte ein Ziel mehr, denn einen aktiven Vulkan wollte ich schon immer mal sehen. Um eins vornewegzunehmen, das einzige was ich gesehen habe, war ein Krater mit hochsteigenden Wasserrauch, warum Wasserrauch, darüber später etwas mehr.

Kurz vor der Reise:
Endlich habe ich paar Minuten gefunden mich etwas mehr mit Island zu beschäftigen. Die Insel ist ein Opfer der Kugelform der Erde, auf der Karte sieht es kleiner aus, als es tatsächlich ist, genauso wie Grönland, in Wahrheit ist das Land so gross wie Baden-Württemberg und Bayern zusammen, es wohnen dort 320000 Leute, 280000 Isländer, der Rest Ausländer darunter viele Polen und wohl auch einige Esten, die auf der Suche nach besserem Leben sich nach Island verirrt haben. 200000 leben in Reykjavik, der Rest verteilt sich auf das Land. Island liegt genau auf der Kontinentalspalte zwischen Europa und Amerika, längs durch das Land verläut ein Riss. Die Wetterverhältnisse sind wie in Irland, alle halbe Stunde kann sich das Wetter ändern, aber wenn es regnet dann ist man richtig nass, es hilft nur eine richtig gute Regenkleidung (die ich nicht hatte). Ansonsten las ich von vielen unaussprechlichen Namen, die man sofort vergass, wo es richtg schön sein sollte. Und natürlich sah ich das Video, dass einem sehr viel versprach:


Kurz, die Vorfreude war sehr gross.

Tag 1: Ankunft in Keflavik (Drachenei). Ein sehr langläufiger Flughafen, der schon vermittelt, dass es in Island viel Platz gibt. Ich sehe zum ersten Mal eine richtige Isländerin, ich meine leicht spitze Ohren bei ihr gesehen zu haben. Eine Elfe! Oder zumindest verwandt. Während ich darüber grüble, fahren wir durch eine komplett fantastische Landschaft durch, die spitzen Lavafelder.


Die Strasse ist die einzige Möglichkeit vorwärtszukommen, kein Mensch oder Tier können eine längere Strecke in diesem Gelände zurücklegen. Ich denke an den Zauberer von Oz und die magischen Felsen, die das Zauberland umgeben und keinem Durchlass gewähren.


Es ist neblig und wir halten neben einem geothermalen Kraftwerk aus dem weisser Dampf aufsteigt, der nach Drachenatem aussieht, an. Das ganze Szenario gespenstisch zu nennen wäre untertrieben, im unserem Hotelzimmer in Erdgeschoss schliessen wir vorsichtshalber die Vorhänge, damit keine lüsternen Trolle an der Fensterscheibe hängenbleiben.

Gleich neben dem Hotel ist die berühmte Blaue Lagune. Eigentlich ist das Wasser, Abwasser aus dem Kraftwerk, es schiesst unter hohen Temperatur und Druck aus kilometertiefen Stollen auf die Erdoberfläche und treibt Turbinen an. Nebenbei wird noch heisses Wasser über einen Wärmetauscher aufbereitet. Danach wird das abgekühlte, mineral- und algenhaltige Wasser in die Blaue Lagune abgeleitet, wo Touris aus allen Herrenländern 28 Euro später plantschen können. Das Wasser scheint leicht aphrotisierende Wirkung zu haben, zumindest kuschelten viele Pärchen sehr eng aneinander, Gott sei Dank war das Wasser durch die Algen trüb.


Wir treffen auf unseren Reiseleiter Hardy, einen unerschütterlichen Island- und Afrika Liebhaber (was für eine Kombination) und machen eine Vorstellungsrunde.

Tag 2: Mit einem Hochlandbus fahren wir auf der N1 Richtung Osten zu dem Vatnajökull. Ein Jökull ist ein Gletscher unter dem auch Vulkane sein können, wie zum Beispiel der Eyjafjallajökull. Bricht so ein Vulkan aus, dann muss die Lava durch den kilometerdicken Eis des Gletschers hindurch, dadurch erst wird die Vulkanasche mit dem Wasserdampf hochgeschleudert. Vatnajökull ist der größte Gletscher Europas.


N1 ist die Ringstrasse, die erst in den 70-ern Jahren ganz Island umschlossen hat, während Vulkanausbrüchen wird aber so viel Gletscherwasser geschmolzen, dass die reissende Flüsse alle Brücken und Dämme mit sich reissen und ins Ozean wegtragen.


Wir biegen ab und bekommen gleich eine Vorstellung was eine isländische Hochlandstrasse ist, eine Piste nämlich, die von kleinen Flüßen unterbrochen wird. Ohne Allradantrieb geht schon mal gar nichts und selbst kleine Jeaps können im Fluss stecken bleiben, was eher unerfreulich ist. Unser Bus mit Daimler-Chassis von einem ehemaligen Feuerwehrauto meistert alle Hindernisse, aber man wird ganz ordentlich durchgeschüttelt. Ich werde ganz nostalgisch, wenn ich an meine Bundeswehrzeit denke, wie ich mit der G-Klasse leider viel zu wenig auf ähnlichen Pisten rumkurven durfte, das oberste Gebot war dabei: "Nicht springen!".


Wenn ich über den Bus erzähle darf ich natürlich den Fahrer nicht vergessen, das Maskottchen jeder Reise. Unser Maskottchen hieß Jonas, ist von Beruf eigentlich Polizist in gottvergessenen Westfjörds, in seiner Freizeit macht er den Busfahrer und ernähert sich von Cola und Snickers, wenn seine beste Frau von allen nicht für ihn kochen kann. Als Sohn eines Pfarrers geht er brav in die Kirche, um wahrscheinlich für seinen Sohn zu beten, der mit einer Cesna regelmäßig nach Island und andere Inseln in Atlantik fliegen muss. Wenn er uns nicht auf der Piste schauckelt, putzt er den fucking Bus und schaut verdrisst den blöden Touris nach, die wieder mit dreckigen und nassen Wanderschuhen in seinen Bus stiefeln.

Wir steigen aus und sollen in ein Tal reinwandern. Nach 200 Metern schon das erste Hindernis, ein Fluss, den man durchwatten muss. Ohne nasse Füße und gesundem Vertrauen, dass man nicht ausrutscht geht es nicht, so dass die ersten gleich aufgeben und zum Bus zurückkehren. Die harten kommen in den Garten und sehen ein wunderschönes Wasserfall in Stakkholtsgja-Schlucht.

Auf dem Rückweg begegnen wir noch 3 Radfahrern, die schon erstaunlich weit gekommen sind, doch Jonas mit der Authorität eines Polizeibeamten befiehlt ihnen umzukehren, weil die Weiterfahrt wegen der Regenfälle zu gefährlich wäre. Wir haben nichts über ertrunkene Radfahrer auf unserer Fahrt gehört insofern mussten sie gehorcht haben.


Und zum Abschluss des Tages noch der Skogafoss Wasserfall, um den man herum gehen kann, weil der früher direkt ins Meer sich ergoss und die Meeresbrandung hinten eine Höhle ausgewaschen hat.


Tag 3: Im Naturkundemuseum treffen wir die unsichtbaren Bewohner Islands, die Elfen.


Die Isländer bauen Häuser für sie neben ihren und geben ihnen wohl was zu füttern, anders sind die Knochen neben den Elfenhäusern nicht zu erklären (die Alternative male ich mir lieber nicht aus).


Es gibt Elfen, die in die Kirche gehen, es gibt welche, die es auch lassen.


Auf der Wanderung begegnen wir dem ersten Troll, einem der vielen auf unserer Reise. Es ist nicht ganz klar, ob sie sich bei Nacht bewegen können oder nicht, da sind sich die isländischen Sagen nicht ganz einig.


Bei dem nächsten Wasserfall stelle ich mir die Frage, warum Island eigentlich pleite ist. Wenn die Sage vom Goldschatz am Ende des Regenbogens auch nur ansatzweise stimmt, dann müßten die Isländer das reichste Volk der Welt sein.


Nachmittags dann an den Strand von Nordatlantik. Ganz schwarzer Strand, starke Brandung, kaltes Wasser, das jeglichen Gedanken ans Baden sofort vertreibt.

Tag 4: Wanderung zum Svatifoss-Wasserfall mit sechs-eckgen Basaltsäulen.


Hilflose Erklärungsversuche von unseren Physikern, warum ein Sechseck die stabilste Form in der Natur ist. Wir wandern durch den Wald, ja es gibt wirklich Wälder in Island, essen Blau-, Krähen-, und Moltebeeren. Wir sind die bestausgerüsteteste Gruppe, sonst sind Leute mit Turnschuhen bis Highheels unterwegs. Die sind für die Gletscherwanderung eher ungeeignet.


Auf die Wanderstiefel werden Stegeisen geschnürt, jedem wird ein Eispickel in die Hand gedrückt und los geht's auf den Gletscher.


Dort lernten wir, dass ein Gletscher eigentlich ein langsamer Fluss aus kilometerdickem Eis ist, der im Jahr sich um ca. 50m fortbewegt. Für einen Isländer ist die Klimaerwärmung auch kein Thema, Gletscher sind momentan auf dem Rückzug, doch gab es in der 1000-jährigen Geschichte Islands schon mehrere Male, dass die Gletscher sich zurückzogen und stets kamen sie wieder zurück, also kein Grund zur Sorge.

Tag 5: Wieder geht es zur Küste allerdings an einer Stelle, wo der Gletscher kalbt und dauernd kleine Eisberge über den kürzesten Fluss Islands ins Ozean gelangen.



Eine einsame Robbe narrt die Photografen. Wir besteigen ein Amphibienfahrzeug, allen werden modische Helly Hansen Schwimmwesten übergestülpt und los gehts in den Gletschersee.



Alle Männer verlieben sich augenblicklich in die Isländerin Anna, die uns Gletschereis zum Lutschen austeilt und beim nächsten Mal eine Flasche Whiskey verlangt, die man mit Gletschereiswürflen kippen könnte. Eine teuere Frau.

Das Wetter übertrifft mühelos unsere schlimmsten Befürchtungen als der nächste Programmpunkt auf der Agenda steht, ein Ausflug auf die Papageientaucherinsel Ingolfshöfdi.


Mit einem Traktor fahren wir über Watt und ich fühle mich wie auf einem fremden Planeten.


Überall schwarze Wüste, ohne ein einziges Lebewesen, alle Spuren werden sofort vom Meer verwischt, es stürmt, ich warte auf den Raketenwurm aus Dune, der aus dem Sand sich auftürmt.


Dann sind wir auf der Vogelinsel, die keinen einzigen Papageientaucher mehr aufweist, nur angriffslustige Raubmöven versuchen im Stürzflug uns anzugreifen, mehrere Skelette von Papageientauchern zeigen, dass sie es ernst meinen. Die Vögel mit den roten Schnabeln sind längst in Atlantik, wo sie überwintern, da sie Salzwasser trinken können und sich vom Fisch ernähern.

Tag 6: Lange Fahrt an schönen Wasserfällen vorbei über das Hochland zu Landmannalaugar, dem Bad des starken Mannes.


Das Hochland sieht wie Marslandschaft aus, erst hier versteht man, wie komplziert eine Marslandung für die beiden Roboterfahrzeuge gewesen sein muss, in der Steinwüste sicher zu landen und vorwärts zu kommen.


In Landmannalaugar angekommen, beziehen wir Matrazenlager und gehen sofort auf die Wanderung durch die gelben, orangenen, grünen Hügel. Überall raucht es, es riecht nach faulen Eiern, auch das Wasser zum Waschen ist mit Schwefelwasserstoff versetzt, also bekommt man beim Duschen erstmal heissen Schwall faule Eier ins Gesicht und Zähneputzen erscheint recht sinnlos.


Doch die Landschaft und der heisse Fluss in den man steigen kann entschädigen für vieles. Die aus der Erde aufsteigende Schwefeldämpfe verbinden sich mit Wasser zu Schwefelsäure, die dann den Untergrund zersetzt, so dass der Boden recht matschig ist.

Tag 7: Eine weitere Wanderung mit einigen Gipfelbesteigungen. Einige Gruppenteilnehmer entdecken ihre Höhenangst, also versuchen wir sie zu stützen und singen, um sie abzulenken. Es stellt sich wiedermal heraus, dass die Leute kaum noch Lieder auswendigkennen, Refrains, aber keine Strophen, selbst populäre Schlager können die wenigsten. Deswegen habe ich einige russische Lieder vorgetragen, als besonders erfolgreich haben sich folgende erwiesen:



Nachmittags noch eine Wanderung zum See, an Obsidianfeldern vorbei. Wir finden ein blank abgenagtes Skelett eines Schwans, da hat sich wohl ein Polarfuchs eine Mahlzeit geleistet. Überall rennen Schafe herum, immer in dreier Gruppen (entweder Mutter mit zwei Kindern, oder falls sich ein Schaf verletzt bleibt das andere Schaf da und das dritte holt Hilfe). Sind aber so doof wie überall sonst auch, erstmal mit Herzinfarktanzeichen vor dem Bus rennen und erst im letzten Moment abbiegen.

Abends liest uns Hardy seltsame isländische Märchen vor, zum Beispiel von einem entlaufenden Pferd, das sich im Himmel aufgehalten hat. Der Bauer steigt auf einer Leiter in den Himmel und frägt Paulus, Petrus und Maria nach dem Pferd. Schliesslich findet er das Pferd, zerstückelt es und wirft die Fleischstücke vom Himmel in den Kochtopf der Frau runter. Moral der Geschichte? Keine Ahnung.

Tag 8: Wieder in den Bus und losgehts durch die Hochlandwüste.



Unterwegs stoppen wir, um Godafoss = Götterwasserfall uns anzuschauen.


In diesen Wasserfall wurden die Götzenbilder reingeworfen, um den Christentum in Island einzuführen.


Doch gleich daneben finden wir eine Elfenbrücke, Heidentum und Christentum liegen in Island halt sehr nah beieinander. Die heidnische Gemeinde ist wohl auch die am schnellsten wachsende Glaubensgemeinschaft Islands.

Wir kommen zum Myvatn = Mückensee an. Die Mückennetze sind zum Glück nicht nötig, denn es regnet und bis auf die Spinnen in der Dusche sind keine Insekten zu finden.

Tag 9: Fahrt zum Dettifoss, dem größten Wasserfall Europas und zu den Schwefelfeldern mit einzigartigen Farben.





Nachmittags geht es im strömenden Regen in einen Vulkankrater.


Nachdem sich eindeutig herausgestellt hat, wessen Klamotten regenfest waren behelfen sich die anderen mit Müllsäcken, deswegen sieht unsere Gruppe aus wie die Überlebenden aus dem MadMax-Filmen, die sich durch eine postapokalyptische Landschaft einfach um Wanderungswillen fortbewegt.


Nach der Wanderung am Kraterrand steigen wir in Dimmuborgir runter, die dunkle Burg, eine Märchenlandschaft aus Lavafeld mit Vegitation, mit tausenden Verstecken für Trolle. Angeblich leben dort auch die 13 Brüdertrolle, die in Sommer schlafen und erst zu Weihnachten aktiv werden (wie gesagt, Logik ist nicht die Stärke der
isländischen Märchen).


Am Ausgang erhebt sich ein Stargate, ein Loch im Felsen, das bestimmt wärend der Sonnenwendfeier Eintritt in die andere Dimension bietet.

Tag 10: Ein Ausflug zu der Kontinentalspalte zwischen euroasiatischen und amerikanschen Kontinentalplatten.


Die Kontinentalplatten bewegen sich momentan 2 cm/Jahr auseinander, noch kann man bequem mit einem Fuss auf Europa, mit dem anderen Fuss auf Amerika stehen. Die Gerüchte, dass man auf der amerikanischen Seite sofort Kaugummi zu kauen anfängt und Hey Baby zu jeder Frau sagt, haben sich teilweise bestätigt.

Nachmittags lese ich Haldor Laxness, einen der letzten Nationaldichter weltweit (ist bereits verstorben), Nobelpreisträger für Literatur. Das Buch heisst Islandsglocke, die Handlung spielt um 1700, als die Dänen Island unter sich hatten und (zumindest laut Laxness) ihren Wohlstand aus der Plünderung der Naturressourcen und der Bevölkerung Islands sicherten (das ist wichtig, um die heutigen Diskussionen zu verstehen, dazu später mehr). Die anderen versuchen sich am Reiten mit den Islandpferden (PFERDEN, nicht Ponys), kommen recht abgekämpft zurück mit Muskelschmerzen, wo sie nicht mal wussten, dass sie dort Muskel haben.

Abends schliesslich der kulinarische Höhepunkt der Reise, 24 Stunden gebackenes Brot (eher gekocht in dem heissen unterirdischen Dampf), geräucherter Lachs, isländischer Branntwein und Gammelhai.


Letzterer wird in der Erde vergraben, wo er einige Wochen vor sich herfermentiert. Der Hai hat keine Ausscheidungsorgane, alles wird durch die Haut ausgeschwitzt, deswegen schmeckt das Fleisch nach Amoniak und stinkt wahrscheinlich ähnlich (wir waren auf der frischen Luft deswegen haben wir nichts davon bemerkt).


Mit eiskühlem Branntwein geht es aber gut runter.

Wieder in das Abwasser eines Geotermalkraftwerks und abends sahen wir tatsächlich Polarlichter am Himmel, photografieren leider unmöglich.

Tag 11: Whalewatching in Husavik.


Nachdem uns Hardy das Segelschiff schmackhaft gemacht hat, schmeissen wir uns in sexy Overalls und gehen frohen Mutes auf das Schiff. Vier Stunden später verlassen wir recht enttäuscht das Schiff, nicht ein einziger Wal hat sich blicken lassen. Dabei bin ich noch gut davongekommen, ein guter Drittel der Gruppe hat mit ihrem Frühstück die Fische gefüttert und einige Nasenspitzen harmonierten gut mit der Augenfarbe. Falls jemand demnächst nach Husavik kommen möchte, ich habe noch eine Freifahrt für Whalewatching übrig, als Entschädigung.

Nachmittags treffen wir in Akureyri ein, einer 16.000 Seelen Stadt mit einer Uni.


Aus lauter Rachegedanken für den verlorenen Vormittag nehme ich Walgericht von der Speisekarte. War ein Zwergwal, schmeckte und sah aus wie Rindersteak mit ein bisschen Thunfischbeigeschmack.


Abends gleicht Akureyri einer deutschen Kleinstadt, obwohl die Polizei gefühlte Minute braucht, um den Stadtzentrum zu umrunden, probieren die Jugendlichen mit ihren Prollschleudern, wieviel Lärm sie beim Anfahren erzeugen können. Da helfen selbst die roten Ampelleuchten in Herzchenform nicht immer.

Tag 12: Noch ein Open-Air Museum mit Häusern, die aus Torfziegeln gebaut wurden.


Wieder auf der Hochlandpiste, unterwegs halten wir in Hveravellir an, einem Campingplatz mit einem natürlichen Hotpot, der aus heissen und kalten Quellen gespeist wird. Nichts wie rein.

Abends kommen wir in Kerlingafjöll an. Waren bei unseren bisherigen Wanderungen Gletscher und heisse Quellen streng getrennt, sehen wir beides, Dampf aus der Erde, gelbe Berge und den blau-schwarzen Gletscher obendrauf.





Hardy reklamierte das als die schönste Wanderung der ganzen Reise und ich und die Photos geben ihm recht.

Tag 13: Der goldene Ring Islands auf dem auch die Kreuzfahrtschiff-Touris (=Kreuzfahrer) unterwegs sind.


Zuerst geht es zum Gullfoss, dem Goldenen Wasserfall, der angeblich in der Sonne golden leuchtet. Das einzige, was golden leuchtete waren die Hosen von russischen Kreuzfahrerinnen. Warum, nur warum, fallen die Amis und die Russen überall (unangenehm) auf, während die anderen Völker sich vornehm zurückhalten?

Weiter gehts zum Geysir.


Wir lernen, dass es recht viele Faktoren zusammenkommen müssen, damit es wirklich zur Wassersäule kommt, so dass Geysiere eigentlich recht selten sind und sie alle sind nach dem isländischen Geysier genannt worden. Der ist leider nach Erdverschiebungen nach dem ersten Weltkrieg von uns gegangen, deswegen gibt es einen Nachfolger, den Strokkur, der alle 5-6 Minuten eine 20 Meter hohe heisse Wassersäule in die Luft schiesst.


Und der Nachfolger ist auch schon unterwegs.


Und schliesslich kommen wir zum Thingvellir an, einem Ort, wo den Überlieferungen nach das erste demokratische Rat weltweite tagte.


Natürlich war das eher Oligarchie, Frauen hatten nichts zu sagen und die fehlende Exekutive verhinderte die Ausführung von Beschlüssen, doch immerhin können sich die heutigen Isländer auf die demokratische Tradition in ihrer Geschichte berufen, etwas, was die anderen Völker nicht unbedingt können. Liebe russische Kinder, glaubt nicht euren Kreuzfahrertanten, die auf dem Video behaupten, dass in Thingvellir sich die Trolle treffen und Fliegenpilzsuppe brauen, es gibt dort keine Fliegenpilze.

Abends steigen wir in einem Hotel am Rande von Reykjavik ab und gehen ins Schwimmbad mit künstlichen Hotpots und gut gebauten Isländern und Isländerinnen.

Tag 14: Zivilisation! Asphalt! Hot Dogs! SHOPPING!!!


Ansonsten ist Reykjavik als Stadt eine Enttäuschung, ein-zwei architektonisch wertvolle Gebäude, wie das Rathaus oder die Kirchen, ansonsten haben die Leute, die nur Reykjavik kennen, von Island gar nichts gesehen.


Doch ist die 200.000-Seelen Stadt der kulturelle und politische Zentralpunkt islands deswegen eine Einführung in die Politik:

Nach dem Finanzcrash vor zwei Jahren und dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte herrscht ein ziemmliches Durcheinander, was die politische Richtung in Island angeht. Zwei Punkte berühren ganz speziell die isländische Seele, der EU-Beitritt und die Privatisierung und Ausbau der heavy industries in Island. Bei dem EU-Beitritt geht es neben Fischereirechten, auch um Themen wie der Beitrag der Isländer an dem Aufbau der europäischen Streitkräfte, etwas was in Deutschland nur wenige interessiert, doch durchaus wichtig in Island ist, denn bisher hat Island keine Armee und ist stolz drauf. Interessant ist dazu der O-Ton des Vertreters der EU in Island: "Während die osteuropäischen Länder alles unterschrieben haben, um an das Geld des deutschen Steuerzahlers ranzukommen, ist es mit Island schwieriger".

Bei der wirtschaftlichen Entwicklung geht es um die Frage, ob die Naturressourcen Islands privatisiert werden dürfen. Eine besondere Rolle spielt dabei das kanadische Unternehmen Magma Energies, das mit verschiedenen Tricks die Mehrheit an dem isländischen Energieunternehmen HS Orka zusammengekauft hat, so dass das Recht an der isländischen Energieerzeugung jetzt in ausländischen Händen liegt (vergleiche die dänische Besatzung). Doch was will Magma Energies mit der isländischen Energie? Zum einen ist der Zeitpunkt nicht mehr weit, an dem es sich lohnen wird, die Energie mit Unterseekabeln nach Europa oder Amerika zu exportieren, zum anderen wird der Überschuss an billigen Energie (in Reykjavik werden sogar die Bürgersteige beheizt) für Aluminimwerke benötigt, denn die Umwandlung von Bauxit in Aluminium braucht besonders viel elektrische Energie. Die US-Firma Alcoa hat schon einige Werke auf Island, doch die Pläne sind sehr weitreichend, so dass bald noch mehr Werke aufmachen könnten, um ein 300.000 Seelen Volk zum weltgrößten Aluminiumproduzenten zu machen. Nicht wenige Isländer haben entschieden was dagegen, an die Spitze der Bewegung hat sich ausgerechnet die weltbekannte Sängering Björk gestellt. Die Argumentationhilfe wird mit dem Buch "Dreamland, A Self-Help Manual for a Frightened Nation" von Andri Snær Magnason geliefert, mit 18000 verkauften Exemplaren ein Bestseller in Island.

Beide Themen werden ausführlich in der englischsprachigen kostenlosen Zeitung "Grapewine" beleuchtet, über den EU-Beitritt schreibt der Bürgermeister von Rejkayvik, dass die finnischen Trolle ihn davon überzeugt hätten, dass der Beitritt gut für Island wäre.

Doch genug der Hintergrundsberichte, es geht hoch in die Luft mit einer zweimotorigen Cesna, zwei Piloten und sechs mutigen Touris.


Drei Luftlöcher und eingeschlagene Köpfe später wird es auch mir mulmig in der Magengegend, doch wir sehen nochmal die Stationen unserer Reise aus der Luft, fliegen über den Krater von Eyjafjallajökull, in dem sich ein See gebildet hat und immer noch Dampf aufsteigt. Wir fliegen über die komplett überbevölkerten Vestmannaeyjar (=Westman Islands) und über Surtsey, eine Insel, die erst in den 50-ern Jahren entstanden ist und die Biologen für sich beanspruchen, weil sie beobachten wollen, wie das Leben auf einem neuentstanden Stück Land sich herausbildet. Angeblich wurde da schon ein Regenwurm gefunden.

Abends finden wir uns in einem recht teuerem Restaurant wieder und gehen danach durchs nächtliche Reykjavik, um das berühmte Nachtleben, das in dem Film Reykjavik 101 dargestellt wird, uns anzuschauen. Mein Verdacht ist, dass der Film etwas zu dick aufträgt, denn ein Alkoholiker in Island zu sein, ist ein Luxusproblem, ungefähr mit den Klagen eines deutschen Rolls-Roys Fahrers zu vergleichen, dass sein Gefährt zu viel Benzin schlucken würde.

Tag 15: Es geht's an den Lavafeldern vorbei zum Flughafen von Keflavik. Nach zwei Wochen ohne Zeitung und Internet wird im Flugzeug fleissig Die Zeit gelesen, doch die Welt ist zwei Wochen ohne mich ganz gut ausgekommen. Berlin Hermanplatz schlägt einem tief in die Magengrube, 3 Millionen-Monster nach dem leeren Island. Will wieder zurück.