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Sonntag, 15. Januar 2012

Wo Europa gemeinsam baden geht

Bevor ich anfange über unser Budapest-Ausflug zu schreiben, eine kleine Anmerkung zum Touristen als unpolitischen Wesen. Es ist wohl oder über so, dass kaum ein Tourist sich irgendwelche Gedanken über die politische Lage in seinem Reiseland sich macht, die meisten wissen wahrscheinlich nicht mal, was in dem Land los ist und seien wir ehrlich, wollen es gar nicht wissen. Es gibt auch kaum eine Möglichkeit den Touristen zu überzeugen, dass er in ein Land nicht reisen soll, das letzte Mal dass so was auf freiwilligen Basis funktionierte, war die Apartheid-Zeit in Südafrika. Seitdem fahren Touris nach Iran, Birma ist richtig trendy, auf Flickr gibt es Reisefotos aus Turkmenistan, selbst Nordkorea-Rundreise kann gebucht werden. Es gibt nur zwei Möglichkeiten einen Touristen davon abzuhalten in ein Land zu fahren, gesetzliches Verbot wie es USA für Kuba-Reisende verhängt hat, oder ein Terroranschlag, wobei spätestens nach vier Wochen die günstigen Preise erst recht viele Urlauber anziehen.

Genauso ging es uns in Ungarn. Von der Wirtschaftskrise, von den Protesten gegen die neue Verfassung, von angeblichen Hungerstreiks, von Verhaftungen von Ex-Ministerpräsidenten haben wir erst in Deutschland erfahren, als die Absperrungen für die Demo mit zehntausenden Teilnehmern aufgebaut wurden, dachten wir an ein Silvesterkonzert und Ice-T im Radio haben wir auch nicht sonderlich vermisst (wer sich noch erinnern kann, vor einem Jahr wurde eine Radiostation geschlossen, weil sie ein Song von dem guten alten Gangsta-Rapper gespielt hat). Mit uns waren tausende andere unbedarfte Touristen aus allen möglichen Ländern und Budapest kam uns wie eine sehr europäische Hauptstadt vor, die Einwohner sind freundlich, sprechen deutsch oder englisch, alle Schilder sind drei- oder sogar viersprachig, es gibt viele Cafés, Restaurants, Souvenir-Shops und andere Sehenswürdigkeiten, über die ich noch schreiben werden, was will ein Touristenherz mehr? Politik sicherlich nicht.

Aber genug des Philosophierens, rein in Budapester Vergnügen.

Anreise: Eigentlich recht bequem mit dem österreichischen Railjet von München über Wien direkt nach Budapest. Es lohnt sich Essen und Thermoskanne mit Tee oder Kaffee mitzunehmen, das Bordbistro ist notorisch schlecht. Neun Stunden später ist man am sehr schönen Bahnhof angekommen, tauscht etwas Geld zu schönen Forint-Banknoten und sucht erstmal den Zugang in die U-Bahn.

Spätestens jetzt versteht man, dass man nichts versteht, wie jemand mal sagte gibt es in Europa zwei schwierige Sprachen, portugiesisch und ungarisch, wobei ungarisch so schwierig ist, dass nicht mal die Portugiesen es verstehen. Auch die finno-ugrische Sprachzugehörigkeit mag evtl. Sprachforscher entzücken, hat aber keinen praktischen Nutzen, für den der eine finnische Sprache versteht, herleiten kann man da auch nichts. Es gibt ein paar türkische Ausdrücke, die es auch ins Russische geschafft haben und ein paar Germanismen, aber nichts, was man sinnvoll verwenden kann.


Weiss jemand was da steht?

Nach erfolgreichen Suche des U-Bahn-Eingangs, die in der ganzen Stadt recht sparsam beschildert sind, erinnert sich man, dass Ungarn mal Teil des sozialistischen Wirtschaftssystems war, in dem alle Länder nur spezielle Waren hergestellt haben, die dann an andere Länder verkauft wurden. Aus Ungarn kamen die Ikarus-Busse, die in Sowjetunion nach wie vor fahren und aus Russland kamen die U-Bahn-Wägen, wie sie in der Budapester Metro anzutreffen sind. Leider sind die russischen kontaktlosen U-Bahn Fahrtickets wohl erst nach dem Zerfall dieses Warenaustauschsystems erfunden worden, es ist sehr umständlich sich ein Ticket zu kaufen, nach dem Abstempeln wird man von drei gelangweilten Kontrolleuren kontrolliert, bevor man sich auf die Rolltreppe begeben darf.


Budapest bei Nacht

Nachdem auch diese Schwierigkeiten überwunden wurden, kamen wir in ein ganz gutes Hotel an und gingen sofort raus in die Stadt. Jetzt muss ich mich für die Fotos entschuldigen, die meisten sind in der Nacht entstanden. Die Nacht fängt in Budapest im Winter sehr früh an, denn die Stadt ist so weit östlich, dass es sich durchaus lohnen würde über die Zeitverschiebung um eine Stunde nachzudenken. Wir sind trotzdem auf den Gellert-Hügel hochgestiegen, wo die Hungaria nach dem Vorbild der Bavaria mit etwas was man sowohl als Schwert oder als Federkiel interpretieren kann, Ungarn wahlweise beschützt, bildet oder kitzelt. Man hat auch eine gute Sicht auf das nächtliche Budapest mit den beleuchteten Brücken über die Donau.


Hungaria

Abends gehen wir gleich in das erste Rudas-Bad, das noch von den Türken im 16. Jh angelegt wurde. Das ist das einzige Bad, dass von 22-4 Uhr offen hat, so dass die nachtaktiven auch zu Nachtzeit wellnessen können. Man kann sich eine Kabine mieten, also einen Kasten für zwei Leute in dem man sich umziehen und auch seine Kleider für die Dauer des Besuchs lassen kann. Das Bad selbst besteht aus einem grossen und vier kleinen Becken, die von eine Kuppel, die auf vier Säulen fusst, bedeckt werden. Es ist recht voll, man schwimmt nicht, sondern versucht ans Rand des Beckens sich auf die Treppen zu setzen, möglichst in akustischen Reichweite seiner Mitbegleiter und labert über dies und das. Da jeder dasselbe tut, ist es recht laut. Zwischendurch kann man in die Sauna oder ins Dampfbad reingehen, da darf man die Körpernähe von schwitzenden fremden Menschen nicht scheuen, manchmal ist es so voll, dass die Leute stehen müssen. Die Sache mit den Handtüchern-Unterlegen wird auch überbewertet. Wer immer noch Spass daran hat, wird einen lustigen Abend verbringen und sehr entspannt wieder nach Hause gehen.

Tag 2: Budapest ist echt weitläufig angelegt, das heisst man latscht sich zu Tode, also nimmt man lieber die Strassenbahn, man muss schwarz fahren, denn es ist absolut unklar, wo man die Tickets herkriegen soll. Wir fahren mit einer Zahnradbahn auf der Buda-Seite den Hügel hoch und schauen uns die Matthiaskirche an. Von innen ist die Kirche mit ungarischen Mustern bemalt, was ungewöhnlich, aber auch schön aussieht.


Matthias-Kirche


Budapest bei Tag. Ständig sucht man unbewusst den Eifelturm

Danach latschen wir zu Fuss runter und beschliessen das vom Hotelrezeptionisten uns aufgeschwatzte Touristenticket zu nutzen und eine Schiffsrundfahrt zu machen. Es ist zwar recht kalt, aber man sieht das gewaltige Parlament, den umgefallenen Eifelturm, der jetzt als Brücke dient (kleiner Scherz) und die Margareteninsel. Ordentlich durchgefroren gehen wir zum Hotel und bereiten uns seelisch auf die Silvesterfeier in Ungarn vor. Das ungarische Fernsehen zeigt eine Silvesterfeier, wo jeder Gast was singen muss und zwar im Rhythmus einer ungarischen traditionellen Musik, die selbst für mein osteuropäisches Ohr recht gewöhnungsbedürftig klingt.


Das Parlament

Ich weiss nicht, wie die Feiern in der 2-Mio Stadt Budapest sonst ausfallen, es gab eine Bühne, wo tapferen Entertainer mit Musik vom Band ungarischen Hits (diesmal modern und deswegen eingängiger) gesungen haben. Punkt um 12 waren wir an einer Donau-Brücke, ein offizielles Feuerwerk alá Donau in Flammen gab es zwar nicht, aber die Leute haben fröhlich geballert, erstaunlich guten Sekt getrunken und farbige Perücken getragen. Ist vielleicht nicht so ganz durchgeplant wie in Bratislava letztes Jahr, aber immer noch ganz lustig.


Die Bühne



Tag 3: Müde vom Gelatsche beschliessen wir einen faulen Tag einzulegen und uns vom HopOn-HopOff Bus kutschieren zu lassen. Also HopOn und eine lange Fahrt durch Budapester Zentrum, mit Heldenplatz, das angeblich bei einem Video von Michael Jackson benutzt worden ist, um seine Größe zu unterstreichen (ich tippe auf irgendwas von HIStory). Am besten gefällt uns das Széchenyi-Bad, also beschliessen wir hinzufahren. Der Tipp, der auf Oktoberfest funktioniert ist auch hier beim Eintritt gültig, immer die Seiteneingänge suchen, deswegen sind wir recht bald im sehr eindrucksvollen Bad, am schönsten ist definitiv das riesige Aussenbecken das im Winter auch offensteht.


Széchenyi-Bad © bei Wikipedia


Im Bad-Gebäude

Gleich neben dem Bad steht das ungewöhnlichste Bauwerk das ich jemals gesehen habe. 1896 zur Milleniumsausstellung baute man ein provisorisches Schloss Vajdahunyad, das alle in Ungarn verwendete Baustile vereinigen soll. Wie es mit provisorischen Gebäuden so ist, halten sie am längsten, deswegen steht dieses Schloss immer noch da und besteht aus Gotik, Barock, Klassizismus und Romanismus. Erinnert ein bisschen an die Architektur-Ausstellung in Victoria&Albert Museum in London, wo die berühmtesten Bauwerke 1:1 kopiert wurden, damit die klammen englischen Studenten nicht durch die Welt reisen müssen.


Gotik...


… geht fliessend in Barock über

Nach dem Bad gibt es das berühmte Paprika-Huhn.

Tag 4: Ich gehe in Terror Haza, Haus der Terrors. Das ist ein Museum für die Opfer der beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts, die Ungarn durchlebte. Nach dem Museum der Okkupation in Estland habe ich meine Standards was die Überlieferung der Geschichte in solchen Museen angeht, sehr niedrig gehalten, aber ich war von diesem Museum positiv überrascht. Es ist zwar nicht unbedingt nötig Rammstein-ähnliche Musik ("Rammmmstein, ein Kind stirbt") im einem Raum abzuspielen, in dem künstlerisch wertvoll gezeigt werden sollten, dass Faschismus und Kommunismus zwei Seiten derselben Medaille sind, und der extra langsam in den Keller fahrende Fahrstuhl mit dem riesigen Bildschirm auf dem haarklein der Vorgang einer Exekution erzählt wird, ist auch nicht jedermanns Geschmack. Aber zumindest stehen die Ungarn dazu, dass es eigene Leute waren, die viel Leid dem ungarischen und jüdischen Völkern zufügten und nicht externe Kräfte, die die kleinen unschuldigen Ungarn das Leben schwermachten. Da sind die Ungarn erheblich weiter, als viele andere osteuropäische Länder. Interessant fand ich auch den Büchershop im Museum, in dem Bücher über die Unruhen 2006 verkauft wurden, ein Signal, dass auch das heutige Ungarn keine perfekte und alternativlose Gesellschaft darstellt.






Péter Gábor, der Schneiderlehrling war der Chef des kommunistischen Geheimdienstes und sehr gefürchtet




Das ist der eiserne Vorhang

Nach einem Café-Besuch fahren wir in das zumindest in Deutschland berühmt-berüchtigte Gellert-Bad (Stichwort ERGO-Versicherungen). Das Bad ist wiedermal sehr schön, die meisten Bereiche sind nach Geschlechtern getrennt und zumindest bei den Männern hängt schon eine gewisse Testesteron-Wolke in der Luft. Einen grossen Bereich nehmen die Massagekabinen ein, die sicherlich auch für andere Tätigkeit zweckentfremdet werden könnten. Aber genug des Lästerns, die Bäder in Budapest sind DAS besondere Flair von Budapest, was man so in keiner anderen Stadt findet.


Eingang zum Gellert-Bad


Ausgang aus Gellert-Bad

Tag 5: Tag der Abreise. Aber zuvor gehen wir in die Budapester Markthallen und decken uns mit Reiseproviant zu, also scharfe ungarische Salami, Chips aus Entenfett, die man in der Ukraine Grenki nennt, in Deutschland wahrscheinlich Cholesterinpumpe. Ausserdem eingelegtes Gemüse, Baumkuchen, Paprikapulver. Das ungarische Kochbuch ist auch gekauft, so dass einige der Speisen nachgekocht werden können.


Die Markthalle


Bevor die Karpfen dem Käufer überreicht werden, bekommen sie mit einem Holzstock eins übergebraten


Halb Hund, halb Schaf, der ungarische Hirtenhund

Zusammenfassend gesagt, Budapest ist eine wunderschöne Stadt, wir haben vielleicht die Hälfte davon gesehen, uns dafür sehr in den Bädern entspannt und freuen uns schon darauf wiederzukommen.

Montag, 10. Januar 2011

Silvester in Bratislava

Nach der guten alten Tradition des Silvesterfeierns möglichst weit von den heimischen vier Wänden haben wir uns dieses Jahr für Bratislava entschieden. Warum Bratislava? Nachdem Istanbul ausgebucht war und Alternativziele wie Beirut oder Baku sich als wenig realistisch herausgestellt haben, haben wir uns für Bratislava entschieden. Ist nicht weit weg, keiner war jemals dort und wissen tut man über die ehemalige Pressburg recht wenig. Ich war fester Überzeugung, dass Slowaken noch Kronen haben, doch wurden wir mit Euros empfangen. Meine russischen Freunde kannten Bratislava vor allem aus zwei Filmen Eurotrip, in dem doofe amerikanische Backpacker in Bratislava für $1,38 ein 5-Gänge Menü bekommen und Hostel, wo doofe amerikanische Backpacker von blutrünstigen Slowaken zu bratislavischen Fleischspezialitäten verarbeitet werden. Angeblich drehte auch Kusturica in Bratislava, aber keiner weiss welche Filme. Was die obengenannte Filme angeht, so sind die Klischees als billiges Backpackerparadies schon passé, für $1,38 bekommt man mit viel Glück einen Hamburger bei McDonalds und die meisten Übernachtungsmöglichkeiten sind 50 EUR / Nacht aufwärts. Die Ausnahme von der Regel ist das Hostel Kyjev, das 70er Jahre Sozialismus-charme versprühendes 15-stöckiges Gebäude mit einem Trabi im Eingangsbereich und extrem billigen Frühstücken. Im Reiseführer über Slowakei wird Bratislava 5 Seiten gewidmet, es gibt aber österreichische Reiseführer nur über Bratislava, die, wie wir herausgefunden haben, recht fehlerhaft sind.

Ankunft

In Bratislava kamen wir mit dem Zug aus Wien an. Wien ist eine Stunde entfernt, Der Bahnhof ist wie eigentlich alle osteuropäische Bahnhöfe, man könnte sich auch in Polen oder baltischen Staaten meinen, als man den Zug verlassen hat.



Bibbernd vor Kälte, nicht ohne uns vorher verlaufen zu haben, erreichten wir dann unser Film-Hotel, wir wohnten in Julia Roberts Zimmer, unser Begleiter in Tom Hanks.

Erster Eindruck

Bratislava ist eine 500.000 Leute Hauptstadt, eigentlich sollte man dazu schon Metropole sagen, doch in diesem Fall ist es doch etwas zu hoch gegriffen.



Es sind viele Wolkenkratzer gebaut worden, bei manchen hat man den Eindruck, dass die gesamte Bevölkerung Bratislavas bequem Platz darin gefunden hätte. Das interessanteste Gebäude ist der slowakische Rundfunk, das eine eiserne auf dem Kopf stehende Pyramide ist. Auf den Strassen war recht wenig Verkehr (vielleicht wegen den Feiertagen), aber pulsierendes Leben einer Hauptstadt ist hier nicht zu spüren. Eine imposante Erscheinung ist die Burg, die in den 60-er Jahren gebaut wurde, laut Reiseführer sieht sie aus wie ein umgedrehtes Ehebett, doch für uns sah es aus einfach wie ein riesiges Ehebett mit 4 Türmchen an den Ecken.



Die Burg ist übrigens leer bis auf eine kleine Ausstellung. Die Altstadt ist recht gross, doch viele Häuser noch nicht restauriert, so dass die Erscheinung etwas uneinheitlich ist. Überall stehen Messing-Statuen von Menschen rum, einer schaut aus der Kanalisation heraus und freut sich sichtlich, wenn Passanten über ihn stolpern.

Die Sprache

Slowakisch wurde laut dem Fremdenführer dadurch gebildet, dass eines Tages ein Dialekt von einem Vorort einer unbekannten Stadt zu einer eigenen Sprache erklärt wurde. Die Sprache ist dem Russischen sehr ähnlich, auf jeden Fall einfacher zu verstehen und zu sprechen als Polnisch. Slowakei war teil der Österreich-Ungarischen Monarchie, Verhältnis von deutsch-sprechenden Touristen zu allen anderen ist ca. 50-50, also sollte man eigentlich denken, dass recht viele Leute Deutsch sprechen und verstehen würden. Doch offenbar sind alle deutsch-verstehenden Slowaken längst in Wien, denn ausser ein paar Kellnern, sprach keiner deutsch, englisch war auch nicht jedermanns Sache, selbst in der Touristeninformation verständigte man sich teilweise mit Händen und Füssen.

Die Geschichte

Wie wir aus einem Kinderbuch erfuhren, gab es wohl ein grossmährisches Reich. Irgendwann fielen die Türken nach Ungarn ein und die ungarische Hauptstadt wurde nach Bratislava verlegt. Der zu krönende Prinz musste komplizierte Umwege in der Altstadt laufen, bis er endlich gekrönt war, setzte sich auf sein Pferd und sah Bratislava nie wieder. Es gab ein paar nationale Volkshelden, die allesamt tragisch geendigt haben. Ausserdem trieb die Gräfin Bathory ihr Unwesen, aus irgendeinem Grund mochte sie keine Jungfrauen und verarbeitete sie zu bratislavischen Fleischspezialitäten (evtl. Inspiration für Hostel). Napoleon zerstörte die Burg und unterzeichnete im Rathaus den Frieden mit Österreich-Ungarn, nachdem bei der Schlacht von Austerlitz die russischen, preussischen und österreichischen Armeen ordentlich vermöbelt wurden. Nach den Wirren der 1850er Jahre wuchs und gedeihte Pressburg als ordentliche k.u.k Stadt mit der slowakischen, jüdischen, deutschen Bevölkerung, die Wiener fuhren zum Heurigen dorthin, die Pressburger fuhren in die Oper nach Wien und umgekehrt. Im zweiten Weltkrieg hat Slowakei auf der Seite von den Achsenmächten ihr Territorium als judenfrei gemeldet, doch 1944 kam das Erwachen und ein Aufstand. Schliesslich wurde Anfang 1945 Bratislava von der Roten Armee eingenommen, die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben, 1949 wurde Slowakei sozialistisch, 1990 kapitalistisch, 2003 EUropäisch und 2009 sogar EUROpäisch. Sonst ist nicht viel passiert. Selbst nach Studium von Wikipedia und Fremdenführer, habe ich mich an keinen berühmten Slowaken weder in der Kunst, noch in Literatur, noch in der Wissenschaft, noch in der Politik, noch im Sport erinnert. Einige Sympathien verdiente sich die slowakische Fussballmannschaft bei der WM 2010, als sie die Italiener rauskickten.

Das Essen

Slowakische Küche vereint in sich österreichische, ungarische und böhmische Elemente und zwar die gehaltvollen Teile. Sehr gut schmeckt die Knoblauchsuppe in Brotkruste, als zweiter Gang ist Gulasch oder Schnitzel zu empfehlen und als Nachtisch Palatschinken oder Mohnudeln. Sehr gut sind Kuchen oder heisse Schokolade in den drei Cafés am Hauptplatz, auch wegen der jugendstilhaften Interniere ist ein Besuch sehr zu empfehlen. Etwas nervig sind die Geiger, die in jedem touristischen Keller-Restaurant spielen. Slowaken haben ganz guten Wein und trockenen Hubert-Sekt.

Der erste Tag

Zuerst gehen wir den Präsidentenpalast anschauen. Zuerst müssen wir lange überlegen, wer der Präsident von Slowakei ist. Das Palais wird von zwei Husaren bewacht, also gehen wir in den Garten, von dem man über die Glasscheibe das Fuhrpark des Präsidenten bewundert werden kann. Das Gerücht, dass der Präsident mit einem Ford Ka fährt bestätigt sich teilweise. Dass Slowakei keine hohen Steuern erhebt sieht man am Zustand des Gartens, ein paar Häuser, die dort angrenzen, gehören dringend gestrichen oder abgerissen.

Der Stadtführer empfiehlt mehrere Spaziergänge, also beschliessen wir die Bauhaus-Architektur auf den Hügeln rund um Bratislava uns anzuschauen. Also klettern wir auf die Hügel und schauen uns die Villen an, die teilweise Botschaften sind (Bratislava ist bestimmt C-Location für Botschafter, wobei C für Chill steht), andere gehören slowakischen Bonzen und Briefkastenfirmen. In keiner anderen Stadt habe ich so viele schmale Briefkästen mit phantasievollen Namen von Beratungs-, Consulting- und Joint Venture Firmen auf blankpoliertem Messing gesehen.



Ganz oben ist das Denkmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten und eine Kopie des Weissen Hauses, in dem G.W. Bush schon mal übernachtete und sich wohl wie zu Hause fühlte, wenn es nur den riesigen lauten Nachbarshund nicht gäbe. Nach dem Besuch des etwas verwilderten protestantischen Friedhofes, wo ein Grabsteinwackler dringend notwendig wäre, damit die alten Omas nicht von runterfallenden Grabsteinen erschlagen werden, schauten wir uns die halbleere Burg an.

Der zweite Tag, Silvesterfeier

Versuch den Krönungsweg nachzugehen, als Orientierung sollten die kleinen Kronen auf dem Weg als Richtungsweiser dienen, nur teilweise erfolgreich. Besuch im Haus des Buches, dem wohl größten Bücherladen in Bratislava. Leichtes Entsetzen beim Durchschauen des Regals mit den Geschichtsbüchern. Viktor Suvorov, der von der Süddeutschen Zeitung als Holokaustleugner bezeichnet wurde, steht mit mind. 10 Büchern in der obersten Reihe. Darunter mehrteilige Biographien von Goebbels, viele Bücher über Hitler, SS und andere NS-Organizationen. Bei den fremdsprachigen Büchern fällt das Buch eines russischen in Bratislava lebenden Schriftstellers auf, der schon auf der ersten Seite bedauert, dass Sowjetunion nicht ganzes Europa nach dem 2. WW besetzt hat.

Ab 17.00 Uhr geht das Silvesterkonzert auf der Bühne am Hauptplatz los. Leider verpassen wir viele Auftritte, in Erinnerung bleibt der Auftritt der Pressburger Klezmer Band. Ist auf jeden Fall ein Statement, so eine Band als Headliner auftreten zu lassen, die die verlorene jiddische Kultur an einem Silvesterabend aufleben lässt.





Über der Donau werden Tausende Lampions steigen gelassen und pünktlich um 24.00 geht das Feuerwerk los. Leider ist es so neblig, dass nach den ersten Schüssen nur eine Rauchwolke zu sehen ist, die sich manchmal grün, manchmal blau und selten rot verfärbt. Wir schlürfen den Sekt und tanzen bis 2 Uhr nachts auf der Strasse mit ausgeflippten Slowaken. War bisher die beste von von einer Stadt organisierte Feier.

Der dritte Tag

Die Slowaken feiern ihre Unabhängigkeit von den Tschechen im Jahr 1993. Uns wird angedroht, dass alles in der Stadt geschlossen ist, deswegen fahren wir nach Devin Castle, eine von Napoleon zerstörte Burg an dem Zusammenschluss von Donau und Morave.





Sehr imposante Erscheinung auf einem hohen Hügel, die für Slowaken ein Ort der nationalen Identität darstellt. Entsprechend viele Schülergruppen waren dort ungeachtet des Feiertages.

Der vierte Tag

Tag der Abreise, deswegen nur ein Kurzausflug in noch nicht erforschte Stadtgebiete.







Eine sehr schöne Elizabeth-Kirche, die im Jugendstil erbaut wurde und innen und aussen wie eine Wolke aussieht. Schneller Kaffee am Bahnhof und der Zug fährt uns zurück nach Wien und von dort nach München.