Sonntag, 10. April 2016

Auf dem Snowboard in Davos

Nach langem Internetsuchen und Katalogenwälzen entschieden wir uns dafür unser Winterurlaub den Frosch-Reisen anvertrauen und nach Davos Skifahren zu gehen. Davos, das ist ja in der Schweiz, da ist es doch so teuer, schrillten sämtliche Alarmglocken, aber der Reisepreis war OK, uns wurde versprochen, dass wir Pistenbrote beim Frühstück uns schmieren dürfen und ein Mehrgänge-Menü beim Abendessen war auch noch inklusive. Beim Vorbereiten habe ich verzweifelt eine passende Skihose gesucht, der durchschnittliche Ski- und Snowboardfahrer scheint andere Masse zu haben, als ich, aber dann bin ich fündig geworden und habe in einem Anfall von Übermut sogar ein Snowboardkurs gebucht, obwohl ich noch nie in meinem Leben auf einem Snowboard gestanden bin. „Der Mensch hat zwei Füße, also braucht er zwei Bretter“ meinte eine Freundin zu dieser Entscheidung.

Ich fuhr mit dem Zug durch schneelose Deutschland und schneelose Schweiz, bis ich in Lanquart ankam. Von dort ging es dann mit der Rhätischen Bahn bergauf, bis ich dann in Davos Dorf angekommen bin. Davos ist die höchstgelegene Stadt Europas mit 1560 Metern über der Meereshöhe und da ist Schnee garantiert. Wir stellen unsere Sachen im Hotel Real ab und spazieren durch das Ort, das sehr langgezogen ist.


Typisches Geschäft in Davos

Davos ist in mehreren Kontexten bekannt, der deutsche Literaturfreund kennt den Zauberberg von Thomas Mann, der englische hat vielleicht die Geschichten von Arthur Conan Doyle über seine Abfahrten in Davos gelesen. Der Politiker oder Nachrichtenjunkie kennt das Weltwirtschaftsforum in Februar, wenn die Politiker und Firmenlenker aus der ganzen Welt sich in Davos versammeln und Journalisten in vergammelten Hotels bis zu 600 EUR pro Nacht zahlen, nur um dazugehören zu können. Der Wintersportzuschauer kennt Davos Nordic oder Spengler Cup, das älteste internationale Eishockey Tournier der Welt.


Hotel Intercontinental, in dem viele Teilnehmer des WWF absteigen

Und der Wintersportler, der liest nicht über Davos oder schaut es sich im Fernsehen an, sondern packt sein Wintersportzeug und fährt direkt dorthin. Es gibt dutzende von Skilifts und Bergbahnen, die zum Beispiel am Jakobshorn bis auf 2650 Höhenmetern hinaufgehen. Die Parsenn-Bahn fängt gleich in der Stadtmitte an und die Abfahrt endet unmittelbar neben dem Real-Hotel.

Als blutiger Anfänger musste ich mein Snowboard, Schuhe und Helm (wichtig, hätte ich keinen, würde ich hier nicht mehr so locker schreiben) im Wintersportladen ausleihen und meine ersten Abfahrten am Babylift Bolgen unterhalb von Jakobshorn unternehmen.

Meine Freundin, die seit Kinderalter auf den Abfahrtsskiern steht, kam sämtliche schwarze Pisten heil runter und meinte, dass hier ein ganz anderes Skifahren, als in den bayerischen Alpen ist, einerseits ist die Schneedecke komplett, es ist viel glatter, andererseits sind viele Pisten Waldwege, die für für die Leute mit Höhenangst nur schwer zu bewältigen sind, da sie immer am Wegrand in den steilen Abhang blicken müssen. Auch wurde es öfters neblig, so dass man von einem Orientierungsstock zum nächsten sich runterhangeln musste.

Noch ein Tipp für Anfänger, keine Wollsocken im Skischuh, lieber Kompressionssocken oder spezielle Skisocken, die Wasserblasen sieht man bei mir bis heute noch und der letzte Snowboardtag musste wegen Schmerzen ausfallen.

Zum Langlauf steigt man in den Zug und fährt nach Klosters. Da gibt es sehr schöne Loipen, die leicht ansteigend tief ins Bergtal führen. Nach neun Kilometern, kehrt man dann um, und jetzt rächt es sich, dass in Estland Skilanglauf zwar Schulsport war, aber es dort keine Berge gab, so dass die Abfahrt mit den Langlaufskiern nicht geübt werden konnte. Deswegen habe ich mich in die Spur reingestellt, tief in die Hocke gegangen und gehofft, dass es mich nicht rausschmeisst. Aus dem Hoffen ist dann Beten geworden, als Holzpflöcke entlang der Strecke auftauchten, so dass wenn man hinfiel, man sich durchaus in den Pflöcken verfangen konnte. Mit zitternden Händen kam ich doch noch nie so schnell wie in meinem Leben heil den Berg runter, Frau Merkel hatte nicht so viel Glück und zog sie wohl bei einer ähnlichen Aktion ein Beckenbodenbruch zu. Wenn man zurück nach Davon fährt, kann man in Davos-Wolfgang aussteigen und von dort in die Loipe nach Davos steigen. Aber Vorsicht, wenn man hier den Berg runterfährt, hört die Loipe plötzlich auf und man muss schnell in Pflug gehen, um über die Kurve zu kommen, nichts für Anfänger.

Natürlich kann man auch andere Sportarten als Skifahren ausüben. Wir sind mit Schneeschuhen den Berg hochgestiefelt, um ein halbgefrorenes Wasserfall anzuschauen. Für normale Spaziergänger ist die Route gesperrt und selbst mit Tourenskiiern wäre der Aufstieg schwierig, da der Weg recht kurvig ist und man nicht viel Platz hat. Trotzdem mag ich Skitouren lieber, aber das ist dann Geschmacksache. Man kann auch mit Schlitten den Rinnerhorn runterfahren, das habe ich mich nicht getraut, die Geschwindigkeit ist hoch, die Verletzungsgefahr auch.

Das Publikum in Davos ist recht bunt, viele Amerikaner und Engländer, früher waren wohl viele Russen Gäste, doch seitdem schweizer Franken sich zum Rubel erheblich verteuert hat, hört man die russische Sprache viel seltener. Viele Familien mit kleinen Kindern, die kleinen Pimpfe schauen nicht rum und flitzen den Berg herunter, dass man aufpassen muss, dass man von ihnen nicht überfahren wird. Mittags geht man dann auf eine Hütte entweder im Tal oder auf dem Gipfel und zahlt 16 EUR für einen Kaiserschmarren oder 6-7 EUR für einen Apfelwein.

Von Sport zu Politik. Jedes Jahr wird in Davos ein British-Swiss Parlamentrace veranstaltet, wo die schweizer und britische Parlamentarier ein Abfahrtsrennen veranstalten. Natürlich gewinnen die Schweizer, aber die Briten sind zäh. Ansonsten taucht Davos in Nachrichten auf wenn die Weltelite sich zu dem Weltwirtschaftsforum versammeln. Wer jedoch ein riesiges Konferenzzenter erwartet, wird enttäuscht sein, die Veranstaltungen sind quer über die Stadt verteilt. Oben in den Bergen in weissen Zelten liegen Scharfschützen, Zugänge zu teueren Hotels sind gesperrt, am besten man verlässt Davos für diese Woche. Dafür können die Hotelmitarbeiter erzählen, wen sie so alles gesehen haben, den amerikanischen Aussenminister etwa, der im Hotel Derby abgestiegen war, wo sonst die Singles von Frosch übernachten.

Gerade findet in München im Literaturhaus eine Ausstellung zum Roman Zauberberg von Thomas Mann statt, der in Davos spielt. Thomas Mann selbst war einmal für drei Wochen in Davos, als er seine erkrankte Frau Katja besuchte und fand die Umgebung und die Leute im Sanatorium so inspirierend, dass ihm zuerst die Idee zu einer kurzen Novelle kam, die dann zu einem dicken Wälzer, der als Parodie zum Bildungsroman gilt, ausgewachsen war. Bevor Robert Koch entdeckte, dass Tuberkulose eine bakterielle Erkrankung ist und mit Antibiotika zu heilen ist, gab es zwei Schulen in der Tuberkulösemedizin, die eine empfahl Aufenthalt im feuchten Meeresklima, die andere den Aufenthalt im trockenen Bergklima. Beiden gemeinsam war die Überzeugung, dass man mehrere Stunden täglich beschäftigungslos auf dem Balkon liege und die Luft einatmen müsse. Jetzt könnte man wenigstens meditieren, damals lagen die Leute rum und verloren Bezug zur Realität. Die luxuriös ausgebauten Sanatorien verlangten nach Auslastung, also wurden auch gesunde Besucher zu Kranken erklärt, damit sie im Sanatorium bleiben. So geschah es mit Hans Castrop, dem Helden des Romans, der nur seinen Vetter für drei Wochen besuchen will, aber sieben Jahre bleibt, weil eine feuchte Stelle in seiner Lunge diagnostiziert wurde. Also bleibt er im Sanatorium, lernt zwei Mentoren kennen, verliebt sich in eine Russin, die einen holländischen Kaufmann mitbringt (Gerhard Hauptmann hat sich aufgeregt, als er sich in der Figur des Kaufmanns erkannte), der sich mit Schlangengift vergiftet. Während das Leben im Sanatorium stehengeblieben ist und nur die intelligentesten aus der Routine auszubrechen versuchen, ist unten im Tal und noch weiter in Europa der erste Weltkrieg im Anrollen, also verlässt Hans nach sieben Jahren mit unverändertem Gesundheitszustand das Sanatorium, um dann im Krieg verschollen zu gehen.

Dabei hatte Hans noch viel Glück, denn die Behandlungsmethoden waren recht brachial. Um infizierte Lunge zu entlasten, wurden dem Patienten Rippen rausoperiert (50% der Patienten starben schon während der OP), die Lunge wurde kollabiert, damit sie sich erholen kann, usw.

Als Vorbild für den Zauberberg wurde das Schatzalp-Sanatorium genommen, das immer noch steht und zu einem Hotel umfunktioniert wurde, wie die anderen Sanatorien auch.


Die Gerüchte, dass man die Toten mit dem Schlitten runtergefahren hat, entsprechen nicht den Tatsachen

Katja war allerdings im Waldsanatorium untergebracht, es gibt dort ein Zimmer, das so eingerichtet wurde, wie sie es damals vorgefunden hat.

Umgangssprachlich wird es das Thomas-Mann-Zimmer genannt, obwohl Thomas Mann nicht in dem Sanatorium gewohnt hat, sondern in einem Pensionat. Heute wird ein Spazierpfad zu seinen Ehren genannt.

Zum Schluss noch ein Dankeschön an meinen sehr entspannten Snowboardlehrer Jannik, der mir beigebracht hat, wie man trotz fettem Hinteren auf dem Snowboard aufstehen kann.


Skiweihe

Auch vielen Dank an die Tabea, Julia, Christin, Wenzel und den Koch Sascha für die schöne Woche.


Das, liebe Julia, sind Beilagen für typisches schweizer Raclette

Sonntag, 21. Februar 2016

Silvester in Lissabon

Fürchte die Winde aus dem Osten und die Hochzeiten
Alte portugiesische Weisheit

Lissabon ist eine schöne Stadt. Das habe ich während einer Geschäftsreise festgestellt und deswegen war uns die Entscheidung Silvester in Lissabon zu feiern nicht besonders schwer gefallen. Aus der Altersgruppe fielen wir zwar langsam raus, aber wir haben trotzdem bei Marco Polo Young Line gebucht, damit sich jemand anderes um die Flüge, das Hotel und die Silvesterbespassung kümmert.

Ein paar Eindrücke von meinem ersten Besuch:
- die U-Bahn streikt, es ist heiss, die Taxischlange ist eine Stunde lang, beim Versuch den Bus zu erreichen, schwitze ich mir innerhalb von wenigen Minuten alles durch, ich füge mich meinem Schicksal, nehme ein Taxi und verpasse den Konferenzauftritt von meinem Chef
- beim Einsteigen in das Taxi hat man den Eindruck, man sei in Osteuropa, sowohl was die Preise, als auch die Sprache des Taxifahrer angeht. Erst nach längerem Hinhören realisiert man, dass es eine romanische Sprache mit vielen Zischlauten ist. Meine Großmutter behauptete mal, dass Portugiesisch die hässlichste Sprache Europas sei, da sie nie in Westeuropa (und erst recht nicht in Portugal) gewesen war, weiss ich nicht, worauf sich ihre Behauptung stützte, aber die Sprache ist wirklich gewöhnungsbedürftig
- sehr viele Gebäude in der Stadt sind mit Kacheln verkleidet, mit farbenfrohen und sehr schönen Mustern
- die Stadt ist sehr hügelig und liegt (wie sollte es anders sein) auf sieben Hügeln
- das schönste Hotel, das ich je gesehen habe ist Pestana Palace in Belem. Ein ehemaliges Schloss mit wunderschönen Zimmern, riesigem Garten, köstlichem Essen, kann ich nur empfehlen
- die Pasteis de Belem sind köstlich
- viele Mädchen sehen aus wie Nelly Furtado

Tag 1: Verglichen mit dem letzten Mal, als das Flugzeug erst beim zweiten Mal aufsetzen konnte und deswegen etwas nervöse Ruhe im Flugzeug herrschte, kamen wir recht ereignislos an, kämpften etwas mit dem Ticketsystem des lissabonischen ÖPNV und erreichten problemlos unser Hotel. Das Treffen mit dem Rest der Gruppe ist erst für den Abend angesetzt, deswegen fahren wir mit der S-Bahn an Benfica vorbei nach Sintra. Sintra hat mehrere Paläste, als erstes kommt man zum Palácio Nacional de Sintra das durch zwei kegelförmige Schornsteine unverkennbar ist.

König Manuel I (1469-1521) hat einen eigenen Baustil geschaffen, die Manuelinik, dieser Stil wird uns noch später begegnen. Beeindruckend sind die Holzdecken und die Kachelverkleidung.

Die Amseln halten in den Schnäbeln den königlichen Ausspruch "Por Bem" („Für Gut“), also die Abwandlung des Wowereitschem „und das ist gut so“, die Legende besagt nämlich, dass der König von seiner Ehefrau mal in flagranti erwischt wurde und der einzige Spruch, der ihm dazu einfiel war „Por Bem“.


Jesus im Negligé

Das nächste Schloss ist etwas für die Neuschwanstein-Liebhaber. Jemand, der denkt, dass Ludwig II von Bayern größenwahnsinnig war, hat noch nicht das Werk von Ferdinand II von Portugal gesehen, Palácio Nacional da Pena, das so ziemlich alle Stile vereint: vom Maurenstil über die Gotik, die Renaissance bis zu Barock und Rokoko.

Der Innenhof ist mit Kacheln ausgekleidet und muss im Sommer schön kühl sein.

Rund um das Palácio ist ein Riesengarten im englischen Stil angelegt, mit vielen Felsen und Grotten. In einiger Entfernung des Schlosses befindet sich ein elegantes Holzchalet, wo Elise Friederike Hensler besser bekannt als Countess of Edla wohnte.

Die Geschichte ist mehr als romantisch: Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau, verliebt sich Ferdinand II. in die Opernsängerin und heiratet sie, womit er den Anspruch auf die spanische Krone verliert. Der portugiesische Adel ist "not amused" und als Ferdinand stirbt und ihr das Schloss überlässt, muss sie auf Druck der königlichen Verwandtschaft und des portugiesischen Staates aus dem Schloss ausziehen und lebt eine Weile in dem Holzhaus. Das Chalet ist vor ein paar Jahren abgebrannt, wurde aber vollständig renoviert.

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof sehen wir noch einige wunderschöne Keramiken.

Im Hotel treffen wir auf die Reisegruppe und die Reiseleiterin Sara, die uns nüchtern und kompetent einen „Kleinen Sprachkurs Portugiesisch“ mit Lautschrift verteilt (Kostprobe: [umng billjet, se fasch fawohr]) und ins Biermuseum begleitet. Dort lernen wir, wo man sonst noch Portugiesisch spricht und Bier braut, nämlich in Brasilien, São Tomé und Príncipe, Angola, Äquatorialguinea, Guinea-Bissau, Kap Verde, Mosambik und Osttimor (ok, Bier aus Osttimor gibt es nicht).

Tag 2: Sara erzählt uns die Eckpunkte der portugiesischen Geschichte. Sie berichtet vom Verschwinden von Sebastião, dem portugiesischen König, der 1578 chancenlos Marokko zu erobern versuchte, und wahrscheinlich in der Schlacht gefallen ist, ohne Erben zu hinterlassen.

Deswegen fiel die portugiesische Krone an die Spanier und den Portugiesen blieb nur die Hoffnung übrig, dass Sebastião zurückkehren könnte, um wieder auf den Thron zu steigen. Auch als die Spanier seine angebliche Leiche zurückbrachten und im Jeronimos Kloster in Belém begruben, blieben viele Portugiesen der festen Überzeugung, dass O Desejado (der Erwartete/Erwünschte) doch noch zurückkommt. Diese Haltung nennt man sogar Sebastianismus, laut Sara ist in der jetzigen Wirtschaftskrise (Portugal ist das P in PIGS-Staaten) der Glaube verbreitet, dass jemand kommen und Portugal retten wird. Ein anderes schwerwiegendes Ereignis war das Erdbeben von Lissabon 1755, als 85% von Lissabon zerstört wurden. Zehntausende Menschen kamen entweder im Beben selbst, oder bei der nachfolgenden Flutwelle um. Der Vorwurf es handle sich um eine Strafe Gottes, konnte damit widerlegt werden, dass fast alle Kirchen kaputt gegangen waren, während das Rotlichtviertel Alfama verschont blieb. Der Held der Stunde hieß Marquês de Pombal, der trotz seines Postens als Außenminister den Wiederaufbau der Stadt organisierte, und dem das heutige Lissabon sein Stadtbild verdankt.


Marqués de Pombal

Der Hauptplatz der Stadt Praça do Comércio ist nach 1755 komplett neu gebaut worden.

Praça do Comércio liegt übrigens am Tejo, dem breiten Fluss, über den die Brücke des 25. April, die im Stil der Golden Gate Bridge in San Francisco gebaut wurde, führt.

Womit wir beim dritten bedeutenden Ereignis wären, der Nelkenrevolution, als am 25. April 1974 die Portugiesen die Diktatur stürzten. Der bekannteste portugiesische Diktator war Salazar, der den Umsturz allerdings nicht mehr erlebte. Salazar kann man anrechnen, dass er sich mit dem nationalsozialistischen Deutschland nicht wirklich verbündete, so dass der Hafen von Lissabon eine der letzten Möglichkeiten blieb, Europa zu verlassen. Allerdings war jede freie Meinungsäußerung in seinem Staat verboten, die Kritiker wurden gezwungen das Land zu verlassen oder wurden getötet. Die Modernisierung des Staates wurde behindert, viele Bevölkerungsschichten blieben Analphabeten. Am 25. April spielte das Radio das verbotene Lied Grândola, Vila Morena als verabredetes Zeichen und der Aufstand brach aus. Es gab vier Tote, aber sonst brach die Diktatur in sich zusammen und seitdem ist Portugal eine Demokratie. Sara meint, dass sich die Portugiesen immer etwas am Rande von Europa fühlen, deswegen haben sie nichts dagegen Flüchtlinge aufzunehmen, um dazuzugehören. Eine sehr löbliche Haltung!

Wie schon erwähnt ist Lissabon eine sehr hügelige Stadt, deswegen gibt es dort sogar Fahrstühle, die die Stadtviertel miteinander verbinden.

Es gibt auch Standseilbahnen und sehr schnuckelige Strassenbahnen, die hauptsächlich Touristen spazierenfahren.

Die Plätze mit Aussicht nennt man Miradours, wir besuchen ein paar von ihnen. Die Stadt hat zwei Schutzheilige, den offiziellen São Vicente und den inoffiziellen und weitaus beliebteren Heiligen Antonius von Padua.


São Vicente


Heiliger Antonius


Und noch ein heiliger Christopherus

Was ebenfalls beliebt ist, ist der Fado, traurige portugiesische Musik, normalerweise von einer Sängerin gesungen, die von einem Gitarristen begleitet wird.

Die berühmteste Fado-Sängerin war Maria Severa, ihr zu Ehren tragen die Fado-Sängerinnen (Fadistas) ein schwarzes Tuch um die Schultern. Ebenfalls ein berühmter Sohn der Stadt ist Jose Saramago, der ein Nobelpreis in Literatur bekommen hat, in dem stacheligen Gebäude befindet sich die Saramago-Stiftung.

Nach der langen Führung bekommen wir ein Bifana, also ein Brötchen mit Schnitzel und fahren dann zum Gulbenkian Museum. Calouste Gulbenkian wurde unter dem Spitznamen „Mister 5%“ bekannt, denn er hatte sehr gute Beziehungen in Russland und Nahem Osten und immer wenn er als Vermittler bei Ölgeschäften eingesetzt wurde, forderte er 5% Anteil an den Geschäften. Dadurch wurde er unermesslich reich und konnte seinem Hobby nachgehen, dem Sammeln von Kunstgegenständen. Dabei spielte der Stil kaum eine Rolle, in der Sammlung finden sich altägyptische Kunstwerke, europäische Kunst aus dem Mittelalter,und sogar französischen Impressionisten.

Da Gubenkian die britische Staatsbürgerschaft hatte, musste er während der Nazi-Zeit aus Paris fliehen und brachte die Sammlung nach Portugal, wo er auch bis zu seinem Tod lebte. Die Stiftung Gubenkian ist die bedeutendste Kunstförderin in Portugal.

Abends gehen wir in ein "Schickimicki"-Restaurant, das mit dem Ansturm der Silvester-Gäste kaum fertig wird, deswegen müssen wir nach dem Essen sehr schnell zur Praça do Comércio rennen, um das Feuerwerk noch zu sehen.

Auf der Bühne tritt Richie Campbell auf, Reggae-Stimmung auf der Bühne, überall riecht man Gras, meine Perücke wird über Gebühr beachtet.

Tag 3: Wir stehen erstaunlich früh auf und fahren nach Cascais (ausgesprochen Kaschkasch). Cascais liegt direkt am atlantischen Ozean, so dass die Lissaboner dort gerne im Sommer der Hitze entfliehen.

Fast noch bekannter ist Estoril, auch ein Badeort mit einem Casino, das angeblich Ian Flemming als Vorbild für sein ersten James Bond Roman Casino Royal diente.

Das Wetter ist nicht wirklich gut, aber es ist warm genug, um ins Wasser zu springen und das neue Jahr einzuweihen.

Wir fahren zurück und gehen auf das Expo-1998-Gelände ins Ozeanarium, das das zweitgrößte der Welt sein soll. Nicht von der riesigen Schlange abschrecken lassen, in 45 Minuten waren wir drin. Rund um den größten Wassertank mit den Haien, Mondfischen, Mantas und sonstigen beeindruckenden Fischen, gibt es vier Klimazonen mit typischen Flora und Faunavertretern, wie Pinguine in der Antarktis, Fischotter im Pazifik und Papageientaucher im Nordatlantik.


Der Mondfisch wiegt bis zu 1.5 Tonnen

Abends gehen wir in eine Bar und betrinken uns mit Ginjinha, einem Kirschlikör, der von einem geschäftstüchtigen Mönch entwickelt wurde, der nach dem kommerziellen Erfolg seines Getränks, seine Mönchskutte an den Nagel hängte, um sich voll und ganz um Produktion und Marketing kümmern zu können. Wie man auf dem Plakat sieht, wirkt ein Gläschen Ginjinha ungleich anregender als Kaffee.

Tag 4: Wir schwingen uns auf die Fahrräder und fahren entspannt den Tejo entlang nach Belém.

Zuerst machen wir am Rossio Platz halt, um eine Domenikanerkirche zu besichtigen, in der 1506 ein fürchterliches Massaker an getauften Juden (Neuchristen) verübt wurde. Die Legende besagt, dass während des Osterfestes ein Lichtstrahl durchs Fenster auf das Kruzifix fiel, was als Wunder interpretiert wurde. Ein Neuchrist wandte ein, dass es nur ein Sonnenstrahl sei, wobei er sogleich der Häresie beschuldigt und getötet wurde. In den nachfolgenden Tagen wurden über 2000 Menschen abgeschlachtet, bis der König in die Stadt zurückkehrte und einschritt. Die Kirche selbst wurde bei einem Brand schwer beschädigt und in diesem Zustand gelassen, zur Erinnerung und Mahnung.

Vorbei an der Brücke des 25. April kommen wir an das Denkmal für die Seefahrer, vor allem für den Vasco da Gama, der den Seeweg um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien entdeckte und somit die Vorherrschaft von Portugal beim lukrativen Gewürzhandel sicherte.

Der erste Mann ist Heinrich der Seefahrer, ein Prinz, der die zahlreichen Entdeckungsfahrten initiierte, selbst aber nicht zur See fuhr.

Gleich daneben steht das im manuelinischen Stil erbaute Torre de Belém, ein Leucht- und Festungsturm, der viel zu filigran für eine kriegerische Auseinandersetzung aussieht.

In Belém befindet sich auch das Hieronymitenkloster, auch im manuelinischen Stil erbaut. Dort sind zahlreiche portugiesische Könige, aber auch Vasco da Gama beerdigt. Besuchenswert ist der Kreuzgang.


Vasco da Gamas Grab

Sehr bekannt ist die Casa Pastéis de Belém, ein großes Café, in dem die Pastel de Nata, kleine Törtchen aus Blätterteig verkauft werden. Geheimtipp: Nicht vorne Pastels zum Mitnehmen kaufen, sondern ins Gebäude reingehen, nach ein paar Minuten bekommt man garantiert einen Platz.

Auf dem Weg zurück zum Hotel schauen wir noch im Museu Nacional de Arte Antiga vorbei, um ein Hieronymus Bosch Gemälde zu bewundern.

Tag 5: Das Wetter ist schlecht, wir nehmen die Standseilbahn und fahren hoch zu einem Miradour, um uns Lissabon von oben anzuschauen.

Danach wieder runter, rein in die Schlange für die Tramlinie 28, die uns durch die ganze Stadt fährt, an den gekachelten Gebäuden vorbei, die Hügel hoch- und runter.

Voll mit Eindrücken von der wunderschönen Stadt, fliegen wir zurück nach Deutschland.