Mittwoch, 22. Oktober 2014

Italien in schön

Im Februar in einer warmen finnischen Sauna sitzend, erfuhren wir staunend von den Liparischen Inseln in Italien, nördlich von Sizilien. Allein der Name Stromboli sagte mir etwas, das ist ein Vulkan, ein aktiver dazu, also reichte das schon aus, um die Wanderreise zu buchen. Eine Wanderreise, was ist das schon, alle unsere Reisen hatten Wanderungen inklusive, der einzige Unterschied hier ist, dass wir immer nur in einem Hotel sind, folglich neun Tage = neun Wanderungen. Ausserdem hat man uns in Finnland das Ehepaar, das die Reiseleitung macht, sehr empfohlen.

Wir steigen in das Alitalia-Flugzeug und fliegen erstmal nach Rom. In unseren Koffern liegen haufenweise warme Klamotten, denn in Deutschland ist es kalt und regnerisch und Sizilien ist ja nur 2 1/2 Flugstunden von uns entfernt, da kann es ja nicht viel anders sein, nicht wahr? Schon in Rom beginnen wir alle Klamotten auszuziehen und bleiben nur in T-Shirts, was sich bis zum Ende unserer Reise nicht wesentlich ändert. Von Roms Flughafen bekommen wir nur die Mercedes-Benz Cafeteria mit und steigen schnell ins nächste Flugzeug nach Catania ein. Im Flugzeug in der ersten Klasse sitzen schon einige Klischee-Sizilianer mit Nadelstreifenanzügen und Sonnenbrillen. Wir fliegen über das glattgestrichene Mittelmeer.

Die erste Überraschung erwartet mich beim Anflug nach Sizilien, ich hätte nicht erwartet, dass die Insel so gebirgig ist. Überall nur Bergkämme und Täler, wohin das Auge reicht.

Aber Catania ist in der Nähe des Ätna, dem höchsten Vulkan Europas, der früher oder später ausbrechen und Catania unter seinen Lavaströmen begraben wird. Das kann passieren, während der verehrte Leser diese Zeilen liest. Sämtliche Warnsysteme sind unzuverlässig, denn wenn es ein paar Fehlalarme gibt, die eine großflächige Evakuierung veranlassen, dann glaubt man keinem Alarm mehr, wenn es wirklich losgeht.

Wir steigen in den Bus, der uns nach Milazzo fährt, von dort geht dann das Tragflügelboot nach Lipari. Das ist die Hauptstadt der Liparischen oder Äolischen Inseln, die sich logischerweise auf der Insel Lipari befindet. Aber davor umfahren wir die italienische Stiefelspitze und erhaschen einen Blick auf Calabrien. Dazu habe ich kein Photo, aber immer wenn Calabrien erwähnt wird, kommt mir dieses Video „Destination Calabria“ in den Sinn, das mit unserer Reise zwar nichts zu tun hat, aber immer wieder schön anzuschauen ist.

Wie Wolfgang, unser Reiseleiter, erzählt, gibt es immer wieder Diskussionen, ob eine Brücke zwischen Sizilien und dem Festland gebaut werden soll. Wenn Berlusconi wieder mal an die Macht kommt, wird die Diskussion wieder aufgewärmt, wenn ein Blick in die Staatskasse geworfen wird, kühlt sie wieder ab. Ich schätze, man wird auf einen Ätna-Ausbruch hoffen müssen, und darauf, dass die Lavaströme eine natürliche Brücke bauen werden. Wir kommen in Milazzo an, das Tragflügelboot angeblich russischer Bauart wartet noch geduldig auf uns, obwohl die Abfahrtszeit schon lange überschritten ist, aber Wolfgang telefonierte mit jemandem, der jemanden kennt, dessen Onkel der Verwandte des Kapitäns ist und so schaffen wir es rechtzeitig an Bord.

Jetzt ein paar Worte zu den Liparischen Inseln selbst: Es gibt sieben Inseln - Lipari, Stromboli, Alicudi, Filicudi, Panarea, Vulcano und Salina, die bewohnt sind (insg. ca 14.000 Einwohner) und jede Menge unbewohnter Inselchen. Alle sind vulkanischen Ursprungs, der aktivste Vulkan ist auf Stromboli, aber überall findet man Fumarolen, also Löcher in der Erde aus denen Schwefelrauch ausströmt, selbst im Meer gibt es welche. "Vulkanischen ursprungs" bedeutet auch, dass sie steil aus dem Meer herausragen (ein nicht unwesentliches Detail für die Wanderungen) und recht wenig Bauland bieten. Die Inseln sind schon seit der Steinzeit bekannt und zwar wegen ihres Obsidians, Vulkanglas, das, wenn es splittert, rasiermesserscharfe Brocken erzeugt, die man damals als Pfeilspitzen benutzte, und die heute bei jeder Flugzeugkontrolle durchgewunken werden, obwohl sie potentiell gefährlicher als 9/11-Teppichmesser sind.


Am Wegrand aufgesammeltes Obsidian

"Äolisch" werden die Inseln auch genannt, weil, der griechischen Mythologie nach, hier der Windgott Aeolis gehaust haben soll, der Odysseus einen Sack mit ungünstigen Winden schenkte. Nur der günstige Westwind sollte den Helden bis nach Ithaka in die Arme seiner geliebten Penelope bringen. Doch auch der stärkste Held brauchte mal Schlaf, die doofen Kollegas haben den geheimnisvollen Sack vor lauter Neugierde aufgemacht und die Winde trieben das Schiff wieder zurück zu Aeolis, der sich angesichts solcher Doofheit weigerte, die Winde wieder einzufangen, was die Reise nach Hause entscheidend verlängerte. Die Inseln waren also seit der Antike immer mehr oder weniger von unterschiedlichsten Völkern bevölkert bis der böse osmanische Pirat Khair ad-Din Barbarossa im 16. Jahrhundert alle Bewohner der Inseln verschleppte und versklavte. Doch nachdem die Zeit der Piraten im Mittelmeer vorbei war, stieg die Bevölkerung unaufhörlich, bis sie im 19. Jahrhundert 20.550 erreichte. Dann kam die Weinreblaus, vernichtete die Existenzgrundlage vieler Einwohner, die zwei Weltkriege richteten große Schäden an, deswegen verliessen viele ihre Heimat Richtung Amerika und Australien. 1949 kam aber der berühmte italienische Regisseur Roberto Rossellini auf die Insel Stromboli, brachte Ingrid Bergman mit und drehte mit ihr einen Film, der schon an sich recht skandalös war, aber von der Hintergrundgeschichte noch getoppt wurden, denn Bergman und Rossellini verliebten sich ineinander und Bergman wurde schwanger, dabei waren die beiden schon verheiratet, aber nicht miteinander! Der Film floppte, aber das Interesse an der Insel war geweckt. Es kamen immer mehr und mehr Touristen, momentan wird ihre Zahl mit 200.000 pro Jahr angegeben, also mehr als 10 Mal so viele wie die Gesamtbevölkerung der Inseln! Doch momentan kriselt das Geschäft etwas, die in den Sommermonaten von der Stadthitze flüchtenden Römer und Neapolitaner haben im Internet günstigere Angebote in Südtirol entdeckt und kommen nicht mehr auf die Inseln. Dafür wird die Nachfrage in der Nachsaison immer stärker, mehr und mehr Wandergruppen kommen, um sich bis zu den Gipfeln eins abzuschwitzen. Es gibt ausser etwas Landwirtschaft (Kapern, Wein) kaum eine andere Industrie als die Tourismusindustrie. Aber im Gegensatz zum übrigen Italien sind die Hotels trotzdem klein, denn erstens fehlt es an Platz, zweitens an Infrastruktur und drittens sind die Inseln seit dem Jahr 2000 als UNESCO-Weltnaturerbe eingetragen. Das bedeutet, dass alle Gebäude im äolischen Stil gebaut werden müssen, was Hotelbettenburgen ausschliesst. Die Inseln können sich nicht selbst versorgen, Treibstoff für die Elektrizitätserzeugung und das Frischwasser müssen vom Festland per Schiff geliefert werden.


Kapern ist der Hauptexportartikel von Liparischen Inseln

Tag 0: Wir kommen im Dunkeln an und gehen zum Hotel, das sich ein bisschen ausserhalb der Stadt auf einer Anhöhe befindet. Es hat einen Schwimmingpool, was angesichts der Wasserknappheit schon eine besondere Form der Dekadenz darstellt. Wir essen zu abend und versuchen nach einem langen Tag schnell einzuschlafen. Doch die italienische Nacht ist laut. „Die Grillen zirpen und es duftet nach Heu, wenn wir träumen“ - singt Onkel Jürgen Drews, nur kommt in Italien noch das nichtabstellbare Surren der Klimaanlage dazu. Ich versuche mich mit Ohrstöpseln zu retten, was nur bedingt hilft.

Ein Hinweis zu den Karten. Die Wanderrouten sind aus dem Gedächtnis gezeichnet, der tatsächliche Verlauf jeder Wanderung kann etwas anders gewesen sein.

Tag 1: Zum Eingewöhnen bieten uns unsere Reiseleiter Wolfgang und Idhuna eine Wanderung auf den Monte Guardia an. Wolfgang kommt aus Norddeutschland, sieht mit der weissen Sonnenschutzcreme und eckigen Sonnenbrille wie ein Musiker von Kraftwerk aus, hat aber überhaupt nicht nicht spröde Art für die die Norddeutschen berühmt-berüchtigt sind. Idhunas rollendes R-R verrät sie gleich als Niederländerin, sie ist eigentlich Ornithologin, kann aber mit allen Menschen und Tieren. Beide sprechen fließend Italienisch und kümmern sich um alle Problemchen der Gruppe und beantworten geduldig alle Fragen.

Es gibt immer eine einfache und eine schwere Wanderung zur Auswahl, wir nehmen gleich die schwere.

Zuerst geht es durch die Stadt Lipari selbst, die sich als typisches kleines mediterranes Städtchen präsentiert, mit zwei Häfen, einer Burg und einer belebten Fußgängerzone.

Bei der Apotheke scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Während sie bei der Bäckerei scheinbar schon ein paar Monate voraus ist.

Autos gibt es nur wenige, dafür italientypisch viele Mofas und Motorräder auch zum Ausleihen.

Monte Guardia wurde früher für die Ausschau nach Piraten genutzt, daher auch der Name, der Gipfel erhebt sich 450 m über die Stadt.

Wir fangen an zu begreifen, worauf wir uns eingelassen haben. Jede Wanderung fängt ca. um 9-10 Uhr morgens an, das bedeutet, dass wir in der prallen Mittagssonne entweder beim Ansteigen oder auf dem schattenlosen Gipfel sind. Der Weg zum Gipfel geht meist steil geradeaus, alternativ gibt es Treppenstufen, aber kaum Serpentinen. Einkaufsmöglichkeiten unterwegs gibt es kaum, d.h. Proviant und vor allem viel Wasser müssen mitgenommen werden. Wanderstöcke sind empfohlen, man kann auch ohne auskommen, doch der Untergrund ist häufig geröllig, so dass man aufpassen muss. Die Wanderwege sind meistens geräumt, doch manchmal muss der Wanderführer zur Heckenschere greifen und lästige Zweige von stacheligen Brombeersträuchern abschneiden.

Dafür wird man auf dem Gipfel und unterwegs mit fantastischen Ausblicken auf die anderen Inseln belohnt. Auf dem Photo sieht man Vulcano mit der vorgelagerten Halbinsel Vulcanello.

Und auf diesem Photo von rechts nach links Salina, Filicudi und Alicudi.

Und hier blickt man auf dem die Stadt Lipari, die Inseln Panarea und Stromboli. Damit sind wir vollzählig.

Hier sieht man, wie früher das Regenwasser aufgesammelt wurde, die flachen Dächer werden von Mauern umgeben, damit das Regenwasser nicht abfliessen kann. Heute wird das Wasser mit einem Wasserschiff gebracht, ist allerdings von solcher Qualität, dass vom Trinken abgeraten wird, höchstens zum Duschen und zum Zähneputzen kann man es benutzen.

Nach der heißen Wanderung entdecken wir die sizilianische Spezialität "Granita", eine Art Wassereis in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Schmeckt sehr erfrischend, schade, dass es noch nicht bis nach Deutschland vorgedrungen ist.

Zurück in der Stadt besuchen wir die Burg, in der einst die Tochter von Mussolini gefangengehalten wurde und sich in einen kommunistischen Partisanen verliebte. Heute streunen dort viele Katzen herum und es ist ein reichhaltiges archäologisches Museum, das viele Scherben aus vielen Epochen präsentiert, dort beheimatet. Neben der Burg befindet sich der ehemalige Bischofssitz, der dem Apostel Bartholomäus gewidmet ist. Seine sterblichen Überreste sind angeblich an der Küste Liparis angespült worden. Bartholomäus wurde gehäutet, in besonders realistischen Darstellungen trägt er seine eigene Haut in den Händen. Als kinderfreundlichere Heiligenfigur wird er von einem gehäuteten Schaf begleitet. Die Gebeine des Hl. Bartholomäus sind jetzt in Rom, die Hirnschale in Frankfurt.

Im kleinen Hafen steht eine Kirche, die den Seeleuten gewidmet ist. In der Kirche ist eine Krippenlandschaft, die die Hafenpromenade nachahmt. Sehr realistisch und sehr niedlich anzuschauen. Jesus ist in die heutige Fischmarkthalle hineingeboren worden.

Tag 2: Das Wetter ist gut, die Winde günstig, bzw. nicht vorhanden, also beschließen unsere Reiseleiter mit uns einen Ausflug nach Vulcano zu machen. Vom Namen dieser Insel leitet sich tatsächlich die Bezeichnung Vulkan für alle feuerspeienden Berge ab, so wie Geysir in Island der Namensgeber für alle heißen Wassersäulen der Welt ist. In der römischen Mythologie galt die Insel als Schmiede des Vulcanus, des römischen Gottes des Feuers.

Die Hauptattraktion ist natürlich der Namensgeber der Insel, ein Vulkan, der zwar nicht aktiv ist, aber viele Fumarolen hat, deren Schwefelgeruch schon bei der Anfahrt zur Insel unüberriechbar sind. So sieht der Vulkan Fossa vom Hafen aus.

So ganz ungefährlich ist das Spazieren in den Fumarolen nicht, die Dämpfe sind recht aggressiv und können Elektronik beschädigen, Jeans umfärben und Schleimhäute reizen. Deswegen wird der Krater nur zur Hälfte umrundet.

Der Krater ist auf 390 m Höhe, also muss hochgestiegen werden. Man hat einen schönen Blick auf Lipari und Salina.

Oben angekommen sieht man den Krater und die Fumarolen - eine Mondlandschaft mit gelben Schwefelflecken. Es ist zwar lebensgefährlich auf den Kraterboden runterzusteigen, weil sich dort Kohlendioxid und -monoxid sammeln, aber trotzdem haben dort ein paar lebensmüde und liebestolle Wanderer Grüße aus Steinen hinterlassen.

Wir steigen wieder herunter und kommen zum Schlammbad, das aus vulkanischen Mineralien besteht und so furchtbar stinkt, dass es für die Gesundheit super sein muss. Also zieht man sich aus (Vorsicht, der Boden ist heiß, habe mir die Ferse verbrannt) und geht ins Schlammloch. Manche schmieren sich mit dem Schlamm komplett ein und gehen dann in die Sonne, damit es auch schön eintrocknet. Aber man kann auch ins Meer gehen, das Wasser ist zwar kalt, aber auch im Wasser gibt es Fumarolen, die das Meerwasser um sich aufwärmen. Der Strand ist schwarz, aus Vulkanasche.

Wir spazieren nach Vulcanello, die vorgelagerte Halbinsel und werden dort furchtbar von Schnacken zerstochen. Aber damit geht es uns noch erheblich besser als der dem anderen Teil der Gruppe, deren Stiche haben schon Muster auf der Haut gebildet. Auf Vulcanello gibt es einige Villen, die sich in bewachten Gebieten (ital. condominio) befinden und ein Tal der Monster aus erstarrter Lava.


Die Tonköpfe auf den Zäunen sind recht beliebt und können in allen Touristen-Läden gekauft werden


Wenn wir schon beim Italienisch lernen sind, "Torrento" ist ein Wadi, also ein Graben in dem das Regenwasser abfliesst und wo man möglichst nicht parken sollte. Viele Raubkopierer sind jetzt schlauer, und wissen nun, woher der Name ihres beliebtesten Netzwerkdienstes kommt.

Zurück im Hotel zeigt Wolfgang uns den Film „Die Kraken von Stromboli“. Was sich nach einem schlechten Horrorfilm anhört ist eine wissenschaftliche Dokumentation, die zeigt, wie Meeresbiologen nachzuweisen versuchen, dass die Kraken die Vulkaneruptionenen vorhersehen können, sich rechtzeitig vor ins Meer fallenden Lavabrocken zurückziehen und wiederkommen, um die nicht so schlaue erschlagene Beute zu fressen. Aber im Gedächtnis bleibt vor allem die junge blonde Meeresbiologin Natalie, die (so der Sprecher) ihr Herz an die Kraken verloren hat und die Kraken bei ihren Tauchgängen streichelt. Eine völlig verängstigte Krake flüchtet Bein über Kopf (Kraken können das) und landet im Maul einer hungrigen Muräne.

Tag 3: Wir fahren nach Stromboli mit Zwischenstopp in Panarea.

Stromboli ist die bekannteste Insel, natürlich wegen ihrem aktiven Vulkan. Jules Verne hat im Roman „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ seine Helden auf einem Holzfloß auf der Lava schwimmend aus dem Stromboli-Vulkan wieder an die Erdoberfläche aufsteigen lassen. Als natürliches Leuchtfeuer diente der Stromboli Generationen von Seefahrern als Orientierung. Normalerweise eruptiert der Stromboli, er schleudert Gestein aus dem Krater heraus, aber seit einem halben Jahr fliesst nur Lava und ergießt sich ins Meer. Das ist zwar nicht so spektakulär, aber offenbar gefährlicher, denn die schwere Wanderung, die zum Gipfel des Vulkans führen würde, so dass man in den Krater von oben schauen könnte, kann derzeit nicht angeboten werden. Unterwegs kommen wir noch an den unbewohnten Inseln Basiluzzo und den Klippen Spinazzola, Lisca Nera, Lisca Bianca, Dattilo und Bottaro vorbei. Man könnte die Meerengen zwischen den Felsen für Odysseus Skylla und Charybdis halten, aber es gibt keinen Grund unbedingt da durch fahren zu müssen, man kann sie auch bequem umfahren.

Stromboli hat eine fast perfekte konische Form und schon bei der Anfahrt sieht man den aufsteigenden Rauch. Wir wandern auf eine Anhöhe zum Sciara del Fuoco, also zur Feuerrutsche, wo die Lava fliesst. Unterwegs gehen wir an dem Ort Stromboli mit seinen Ortsteilen San Vincenco, Piscità und San Bartolomeo vorbei.

Die knapp 550 Einwohner haben kein leichtes Leben, immer wieder bricht der Vulkan aus und kann metergrosse Steinbrocken auf die Häuser schleudern. Eine Gefahr ist auch ein Tsunami, der sich bei einem Ausbruch bilden kann. Deswegen sind überall im Ort Schilder zu Evakuierungszonen auf Anhöhen aufgestellt.

Im Film "Stromboli" ist die Auswanderung ein großes Thema. Viele Einwohner haben die Insel verlassen, aber einige sind wieder zurückgekehrt, die Heimatgefühle waren wohl stärker.

Wir kommen auf der 290 m hohe Anhöhe an, der weitere Aufstieg ist streng verboten.

Den Lavafluss selbst kann man kaum sehen, aber man kann ihn gut hören. Ausserdem sieht man den Dampf und manchmal rollen glühende Gesteinsbrocken Richtung Wasser und plumpsen mit Zischen in die Gischt. Die ganze Wandergruppe ist fest davon überzeugt, dass dort unter Wasser gerade die Meeresbiologin Natalie ihre Kraken streichelt.

Wir gehen wieder zurück, steigen aufs Schiff und fahren zum Strombolicchio, einem kleinen Felsen im Meer mit einem Leuchtturm.

Dann wird es langsam dunkel und wir nähern uns der Sciara del Fuoco vom Wasser aus. Erst hier hat man die perfekte Sicht auf die Lava, es ist sehr schön und unheimlich. In der Dunkelheit bilden die roten Ströme ein Schriftzeichen eines unbekannten Alphabets auf dem Berg.

Tag 4: Wir fahren wieder nach Panarea, die hippe Insel.

Es gab wohl Zeiten, da kam der internationale Jet-Set nach Panarea, um hier luxuriöse Parties zu feiern. Diese Zeit ist vorbei, doch der frühere Ruhm ist geblieben, also genauso wie in Schwabing. Panarea hat eine Fläche von 3,4km^2 und eine Bevölkerung von knapp 250 Menschen, zum Umrunden der Insel braucht man knapp drei Stunden. Wir gehen bei San Pietro an Land.

In San Pietro gibt es natürlich eine Petrus-Kirche.

Was es dort nicht gibt, sind benzin-betriebene Autos, alle Autos fahren elektrisch, selbst das schnuckelige Polizeiauto.

Wir gewinnen schnell an Höhe und gehen an der Air Panarea vorbei, einer Fluglinie, die aus einem Hubschrauber besteht, der ähnlich einsatzbereit zu sein scheint, wie die Hubschrauber der Bundeswehr.

Man merkt der Küste deutlich an, dass sie aus erstarrter Lava geformt wurde. Es gibt kaum Schatten und es ist sehr heiß.

Der Weg führt an Agaven vorbei. Agaven sind gar keine heimischen Gewächse, sie sind wie Tomaten und Kartoffeln aus Amerika importiert worden, nun aber aus der südlichen Landschaft gar nicht mehr wegzudenken. Die Agaven tragen auch Früchte, die in Italien fico d’india genannt werden, wahrscheinlich noch aus der Zeit als Kolumbus dachte, dass er nach Indien gesegelt ist. Mit den bloßen Händen sollte man die Frucht nicht anfassen, die feinen Stacheln kriegt man aus der Haut kaum wieder weg. Die Frucht selbst schmeckt nach Maracuja und hat ähnlich viele Kerne.


Wenn man hier nicht aufpasst, hat man gleich einen Stachel im Arm

Die Wanderung endet an einer bronzezeitlichen Siedlung, unterhalb ist ein netter Strand.

Abends schauen wir dann den Film "Stromboli, terra di Dio" an, von dem schon mehrmals die Rede war. Die Geschichte ist recht krude, eine litauische Schönheit landet als "displaced person" nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges im italienischen Lager und hat keine andere Wahl als einen Fischer von Stromboli zu heiraten. Erst bei der Ankunft auf Stromboli dämmert es ihr, dass es vielleicht doch keine so gute Idee war und sie versucht alles, um da wieder wegzukommen. Am Ende flüchtet sie hochschwanger über den Vulkan zum anderen Ende der Insel, wo es angeblich Motorboote gibt. Ob sie es schafft bleibt offen, aber sie glaubt wieder an Gott, und für Italien in den 50ern ist das die Hauptsache.

Tag 5: Der Wanderhöhepunkt der Reise. Wir erklettern den Monte Fossa, mit 965 Höhenmetern den höchsten Berg der Liparischen Inseln.

Salina hat zwei Berge, so dass besonders romantische Naturen sie auch die "Mutterbrüste der Erde" nennen. Beide sind zum Glück bewaldet, so dass der Aufstieg immer schattig ist. Salina steht zum größten Teil unter Naturschutz, deswegen ist es streng verboten sein Hauskänguru mitzubringen.

Die ersten 300 Höhenmeter sind die schwersten, es sind zahllose Stufen zu erklimmen, doch danach geht es in Serpentinen weiter, so dass der Weg weniger steil ist. Nach weiteren 500 Höhenmetern kommen wir auf eine Waldstraße, die auch von Waldarbeitern mit Fahrzeugen benutzt wird, so dass die restlichen 150 Höhenmetern ein Kinderspiel sind.

Der Weg nach unten ist etwas schwieriger, aber dafür hat man einen fantastischen Blick auf die andere "Brust der Erde", den "Monte dei Porri". Am Fusse von "Monte dei Porri" gibt es einige Weinstöcke, aus denen der berühmte "Malvasia" hergestellt wird. Das ist ein süßer Dessertwein, der gekühlt am besten schmeckt. Besondere Gourmets nehmen Sesamkekse und tunken sie in den Malvasia, bevor sie gegessen werden.

Auf dem Rückweg nach Lipari fahren wir an der Westküste von der Insel entlang und entdecken viele Grotten und Klippen. Unser Kapitän steht seinem Landsmann Francesco Schettino, der die Costa Concordia auf die Felsen gesetzt hat, in nichts nach und fährt mit seinem Schiff auch die engsten Passagen einfach durch.


Das Tor ist doch etwas zu eng

Tag 6: Das Tagesprogramm ist fakultativ, man kann sich also einfach ausruhen, oder wieder wandern. Wir entscheiden uns für eine Wanderung von Lipari-Stadt über den Monte Rosa nach Cannetto. Es weht der Scirocco, ein sehr warmer Wüstenwind aus dem Süden, der Sahara-Hitze und manchmal sogar Sandstaub mitbringt und, ähnlich wie der Fön in München, auf die Stimmung wirkt bis hin zu Aggressivität. Aggressionen hatte ich keine, aber es war sehr warm an dem Tag, so dass selbst der kleine Aufstieg recht viel Kraft und Schweiß gekostet hat.

Das besondere an Monte Rosa ist das Kreuz, das man schon von weitem vom Meer aus sehen kann. Jetzt ist es ein LED-Kreuz, das von Solarpanelen gespeist wird, eine der wenigen Anwendungen aus regenerativer Energie auf Lipari. Dabei wäre die Insel eigentlich prädestiniert regenerative Energie zu nutzen, es ist alles da, Sonne, Wind, Geothermie.

Der Weg nach Cannetto führt durch ein ziemliches Gestrüpp. Cannetto ist ein kleines, außerhalb der Saison verschlafenes Städtchen mit vielen halsbandlosen Hunden. Es gibt zwei schöne Strände und Fumarolen im Meer, die man von Monte Rosa aus sehen kann, wenn man sich im Wasser befindet, sieht man sie jedoch nicht mehr. Wir baden an beiden Stränden und fahren mit dem Bus heim.

Tag 7: Wanderung an der Westküste von Lipari.

Der immer noch wehende Scirocco zeigt erste Auswirkungen, nach dem Aufwachen bin ich komplett platt und überlege mir ernsthaft die heutige Wanderung zu schwänzen. Meine Freundin ist dagegen voller Energie und will unbedingt um 8:30 h auf die grosse Wanderung gehen. Ich raffe mich doch noch auf, steige in den Minibus, für große Busse sind die Straßen von Lipari zu eng, der öffentliche Nahverkehr wird mit Minibussen erledigt, und wir fahren nach Quattropani, wo wir recht bald auf die andere Gruppe stoßen, die entsprechend weiter weg angefangen hat.

Der passende Soundtrack für diese Wanderung ist das gute alte italienische Partisanenlied „Bella Ciao“. In sengender Sonne laufen wir durch Gestrüpp in der Hoffnung die nächste Granita-Bar aus der Richtung zu überfallen, aus der sie es am wenigsten erwartet.

An dem Waldbrand waren allerdings nicht wir schuld.

Tag 8: Ausflug nach Filicudi, Sehnsucht nach Alicudi.

Alicudi und Filicudi sind die westlichsten der Liparischen Inseln und es kommen nur wenige Leute dorthin. Während auf Filicudi noch Einheimische wohnen, sind auf Alicudi nur Aussteiger beheimatet. Das behauptet zumindest Wolfgang, der selbst noch nie auf Alicudi war. Es gab mal einen in einer Reisegruppe, der hingefahren sein soll, aber beim Versuch den Gipfel zu besteigen, soll er in Brombeerbüschen hängengeblieben sein, das sollte eine Warnung sein. Deswegen fuhren wir an unserem zweiten freien Tag 2 1/2 Stunden mit der Fähre nach Filicudi und hatten nur einen sehnsuchtsvollen Blick für Alicudi übrig.


Das war nicht unsere Fähre, unsere war etwas größer, aber vom Zustand recht ähnlich

Vom Hafen Filicudis geht es wieder mal steil nach oben zu dem Örtchen Valdichiesa und dann scharf nach rechts auf einem Panoramapfad zu einem Geisterdorf. Dort wohnt angeblich ein deutscher Einsiedler, den wir nicht zu Gesicht bekommen.

Wir bekommen ein Schild zu sehen, dass der weitere Weg sehr schwierig sei und kehren um. Während der Rest der Gruppe eine bronzezeitliche Siedlung auf der Halbinsel Capo Graziano erklimmt, schenken wir uns die Trümmer und gehen baden. Dabei erwischt mich eine Feuerqualle, eine Plage des Mittelmeers, aber es geht glimpflich aus, nur einen Stich im Arm. Tipps, wie mit Rasierschaum einsprühen und mit der Kreditkarte dann die Nesselfäden abschaben, habe ich zum Glück nicht nötig.

Am Hafen gibt es ein paar kleine Lädchen mit erstaunlich guter Alkoholauswahl. Anstatt sich zu betrinken, kaufe ich das Buch „Die Insel hinter dem Mond“ des Schweizer Lyrikers Roland Zoss, der sich zumindest eine zeitlang auf Filicudi niedergelassen hat. Er brauchte 15 Jahre, um aus seiner Ruine eine bewohnbare Bude zu machen, und natürlich ist das Leben jetzt das reinste Vergnügen auf Filicudi. Früher gab es keine asphaltierte Straße zum Dorf, Strom gibt es erst sein 1988 und Regenwasser musste man noch sammeln. Außerdem sind sämtliche Ruinen schon aufgekauft und aufwändig restauriert. Ich glaube das Aussteigen auf Filicudi wäre trotzdem nichts für mich, Ruhnu in der Ostsee wäre mir lieber.

9. Tag: Ostküste von Lipari

Es ist der letzte Wandertag, also wird uns versprochen, dass die heutige Wanderung nicht übermäßig schwer sein wird. Wir fahren mit dem Bus in den Norden, um über die Bimssteinbergwerke im Osten der Insel nach Cannetto zu laufen. Bimsstein ist vulkanischen Ursprungs und so leicht, dass er im Wasser schwimmen kann. Bevor Lipari Weltnaturerbe wurde, wurde der Bimsstein gleich bergeweise abgetragen. Das ist keine sonderlich gesunde Arbeit, der Staub geht in die Lungen, die Lebenserwartung der Arbeiter war nicht hoch. Heute sieht man noch einige Förderbänder und einen weißen angefressenen Berg.

Der letzte zu besteigende Berg unserer Reise heißt Monte Pilato. Er besteht aus Bimsstein und die Kanten sind entsprechend brüchig. Auf dem Weg dorthin pflücke ich eine Menge Früchte der Erdbeerbäumen. Sie schmecken tatsächlich entfernt nach Erdbeeren, haben aber eine etwas rauere Haut.

Wir kommen am Strand von Cannetto an und fallen erstmal in Tiefschlaf. Neun Tage, neun Wanderungen, das ist doch ein recht anstrengender Zeitvertreib, aber wir sind auch selbst schuld, dass wir die freien Tage nicht zur Erholung, sondern zu weiteren Wanderungen genutzt haben. Das letzte Mal Baden im Mittelmeer und mit dem Bus nach Hause ins Hotel, packen.

10. Tag: Das Schiff legt um 6:00 morgens von Lipari ab, danach wieder die Busreise nach Catania und der Ätna verabschiedet sich am Rollfeld von uns.

Dienstag, 9. September 2014

Zu Gast bei Bären in Bern

Ig möchts i aunä sprachä für dich singe,
uf aunä inschtrumantli zum Erklingä bringä,
am liebschte unter dr Loube vo Barn: I ha di garn.
 

aus Bodo Wartkes Liebeslied 


Eine gute Freundin von mir zog von Mannheim nach Bern, ich habe sie lange und ihre Tochter überhaupt noch nicht gesehen, ausserdem wollte ich mein Geburtstag irgendwo anders feiern, kurz es gab viele Gründe Bern zu besuchen. Wir waren dort ein Wochenende, aber im Großen und Ganzen reicht es aus, um die Stadt zu erkunden.

Bern (und nicht Zürich, Basel oder Genf) ist die Hauptstadt (oder wie die Schweizer sagen Bundesstadt) der Schweiz, hier befindet sich das schweizerische Nationalrat. Die Stadt ist erheblich kleiner als Zürich, hier leben ca. 140.000 Einwohner, während es in Zürich um 400.000 sind. Die genaue Lage von Bern ist hier verzeichnet.

Der Legende nach hat der Stadtgründer Herzog Berchtold V. von Zähringen beschlossen die Stadt nach dem ersten Tier zu benennen, das in umliegenden Wäldern erlegt wird. Es war wohl ein Bär, also nannte man die Stadt Bern und malte sich einen Bären auf den Stadtwappen. Es stimmt genausowenig wie dass Berlin von Bär stammt, aber die beiden Hauptstädte stört es überhaupt nicht, und sie sind stolz auf ihre Bären. In Bern gibt es einen Zwinger für drei Bären, die sogar in der Aare, dem Bern umfliessenden Fluss baden können.

Es gibt übrigens viele Berns auf der Welt, vor allem in USA.

Wir spazieren durch die Stadt und stossen auf allerlei Merkwürdigkeiten, die mit der schweizerischen Lebensart, die sich von der deutschen mehr unterscheidet, als die Deutschen gemeinhin denken, entsprechen.

Hier ist die Erklärung recht einfach. Das obere Schild steht wohl unter Denkmalschutz, darf also nicht verändert werden, aber Fußballspielen ist jetzt wohl erlaubt.

Das ist übrigens eine schweizer Steckdose.

Die Berner Altstadt ist ein Weltkulturerbe der UNESCO, weil es durch den verwendeten grünlichen Sandstein eine architektonische Gesamtkomposition darstellt. An dem Gebäude des Bundeshauses sieht man die Grünfärbung des Sandsteines. So sehen die meisten Gebäude der Stadt aus.

Bundeshaus von hinten

Bevor ich noch andere grüne Gebäude vorführe, hier ein kleines Video, wie es im Bundesrat so zugeht.

Und weiter mit den grünen Gebäuden:

Die erste Adresse der Stadt

Das Stadttheater

Das Rathaus

Und die Zytglogge mit astronomischer Uhr und Glockenspiel

Recht bekannt ist das Münsterportal, das das Jüngste Gericht darstellt.

Bern liegt zwar in der Schweiz, aber wer hier ein Bergpanorama wie in Innsbruck oder Grenoble erwartet, wird enttäuscht sein. Der Hausberg ist der Gurten und ist läppische 858m hoch. Gurten ist ein beliebtes Ausflugsziel, es gibt das Gurten Rockfestival und er spielt eine wichtige Rolle in der Medizin. Ein Berner Hausfrauenrezept gegen verzögerte Geburt empfiehlt der Schwangeren Gurten zu besteigen, dann setzen die Wehen recht schnell ein.

Bern ist eine sehr grüne Stadt, nicht nur wegen dem Sandstein, es gibt zahlreiche Parks und die Umgebung ist auch bewaldet, hier ein Blick von der Oberstadt über die Aare.

Um von der Unter- in die Oberstadt zu kommen, gibt es viele Möglichkeiten, angefangen von steilen Treppen, über nicht so steile Pflastersteinstrassen, kostenpflichtige Fahrstühle und ganz kinderwagenfreundlich mit einer Standseilbahn

Ein Denkmal der ersten Telegrafiekonferenz 1908 in Lissabon. Die ITU (International Telecommunication Union) hat ihren Sitz in Genf, warum dieser Denkmal in Bern aufgestellt wurde, ist mir nicht ganz klar. Jedenfalls steht es auf dem Helvetia-Platz und rundherum gibt es verschiedene Museen…

… wie das historische Museum von Bern, in dem neben einer beeindruckenden Ausstellung über Einstein, der hier während er beim Berner Patentamt angestellt war, seine bedeutendsten Formeln hergeleitet hat.

Aber für die Deutschen ist ein ganz anderes Exponat sehr wichtig: Die Weltmeisterbank von 1954!!!

Wir überqueren die Aare und steigen den Hügel hoch zum Rosengarten. Von dort hat man einen schönen Blick auf die Altstadt von Bern.

Die Rosenzüchtungen tragen so schwülstige Namen wie Grande Amore

oder Gräfin Sonja

Meinen Namen finde ich auch, allerdings nicht als Rosenzüchtung und in der schweizerischen Variante geschrieben.

Zürich hat auch alternative Szene zu bieten, Klänge von E-Gitarre wabern durch die Altstadt, wir folgen ihnen und finden am Münsterplatz folgende Erscheinung vor.

Eine Bespassung, die Berner sehr gerne in Anspruch nehmen, ist das Baden in der Aare. Aare ist ein recht schnellfliessender Fluss, deswegen reicht es reinzugehen und sich über mehrere Kilometer treiben zu lassen. Besonders Mutige springen von der Brücke, besonders Schlaue nehmen ihre Klamotten im Plastiksack mit.

Das Wasser ist doch recht kalt, deswegen kann man sich im kostenlosen Freibad aufwärmen.

Zurück fuhren wir über Zürich mit dem IC-Bus, eine recht bequeme Reisevariante und schneller als der Zug.

Viele Grüße aus Bern vom Kinderfressli.

Mittwoch, 27. August 2014

Ein Reisebericht über Estland

Es gibt wohl Leute, die nur Klotys-Welt lesen. Für diese Leute hier ein Link auf meinen anderen Blog, wo die Reise nach Estland beschrieben wird.

Freitag, 22. August 2014

Eindrücke vom Rock’n’Heim 2014

Schon letztes Jahr wurde Rock’n’Heim auf Hockenheimring mit einer Hammer-Lineup als kleiner aber feiner Festival etabliert. Voriges Jahr hat es nicht geklappt hinzufahren, dieses Jahr war die LineUp ähnlich vielversprechend, deswegen packte ich mein Zelt, mein Schottenrock und ein paar andere Utensilien und machte mich auf den Weg ins Badische. Diverse Leute, die mitkomen wollten, blieben allesamt zu Hause, nun ja...

Ein paar Worte zum Festival selbst. Es ist von Marek Lieberg veranstaltet und eigentlich sollte die Organisation perfekt sein, denn wer Rock am Ring schmeissen kann, für den sollte so eine 25.000 Leute Veranstaltung eigentlich mit links zu erledigen sein, aber es gab einige Dinge zu verbessern:

- Von dem entferntesten Camping-Platz zur Bühne waren 20 min zu laufen. Zwei mal zum Zelt und zurück, schon ist man fast 1 ½ Stunden unterwegs. Wenn es einen zweiten Eingang gegeben hätte, wäre der Weg um die Hälfte kürzer. Ein Pluspunkt waren die Campingplätze selbst. Durch Raumteiler konnte man sein Zelt bequem aufschlagen, ohne den anderen Platz wegzunehmen.
- Vom Camping-Platz zum Bahnhof waren 2,5 km Entfernung. Ein Shuttle wäre nett gewesen
- Recht schlechte Information wann welche Band wo auftritt. Klar, die Generation Smartphone hat ihre Festival-Apps, aber der Akku ist irgendwann leer und es gibt keine Möglichkeit es aufzuladen. Es müssen keine Heftchen sein, die zum Müllaufkommen beitragen, aber zumindest Handzetteln, die an den Campingplätzen verteilt wären, wäre eine gute Idee gewesen
- Zwischen beiden Bühnen musste man recht weiten Umweg laufen, direkter Weg war irgendwarum abgesperrt
- The Prodigy war der Hauptakt um 21:00 am Sonntag. Wenn man bedenkt, dass Freitag in Ba-Wü kein Feiertag war, dann musste man sich Freitag und Montag freinehmen, um alle guten Konzerte mitnehmen zu können, nicht alle sind faule Schüler und Studenten. Insgesamt war der Zeitplan optimierungsfähig
- Für mein Geschmack war zu viel Security unterwegs, die recht auffällig bekleidet war. Vom Southside kennt man das nicht, die gewisse Anarchie, die auf solchen Festivals entsteht, gedeiht am besten, wenn keine Security auffällt. Immerhin waren die Securities freundlich, haben mit den weiblichen Besucherinnen geflirtet und zu Musik genickt. Angeblich wurden ein paar Rauchbomben geworfen und Fackeln angezündet, da waren die Leute gleich zur Stelle, danke schön.
- Wie gesagt, die lockere Stimmung von Southside war nicht da. Nur ein notgeiler Typ mit Free Hugs Schild, die Nachfragen nach „traditionellem“ Tragen von Schottenrock kamen nur von besoffenen Kerlen, T-Shirts wurden auch keine hochgerissen. Vielleicht lag es auch an der Umgebung, Southside-Gelände ist eher festival-geeignet, am Hockenheim-Ring fühlte man sich eingesperrt, die Gebäude sind für Massenveranstaltungen konzipiert und sind zumindest für meinen Geschmack etwas zu steril und auf Kommerz getrimmt. Es kommt Verdacht auf, dass man das Festival in Veranstaltungskalender reingequetscht hat, um die leeren Kassen von Hockenheimring etwas zu füllen. Ob die Rechnung aufgegangen ist, wird man sehen, angeblich hat man mit 40.000 Leuten gerechnet, gekommen sind 25.000.


Das Wetter war etwas instabil


Aber die Besucher haben sich gut darauf eingestellt

Jetzt zu den einzelnen Bands:

The Kyle Gass Band: Die Band vom anderen Typen (also nicht vom Jack Black) von Tenacious D. Solider Rock mit etwas Country. Etwas ernstere Ausgabe von Tenaciuos D, vielleicht werden sie bekannter, vielleicht aber auch nicht

Wirtz: Frankfurter Jung Wirtz mit dem Song LMA, den er allen Studienbossen widmet, die sein Demotape abgelehnt haben. Spielt mit der Attitüde von ganz unten sich zum Nachmittagsakt von Rock’n’Heim hochgearbeitet zu haben, lieber zu hungern, aber das zu machen, was ihm Spass macht. Hat schon einige weibliche Fans, die alle Lieder mitsingen.

Airbourne: Wo AC/DC angefangen haben, da sind Airbourne stehengeblieben. Als Bon Scott starb, wanderte seine Seele wohl in den Kopf vom Sänger von Airborne. Der hat nichts besseres damit zu tun, als Bierdosen gleich reihenweise an eben diesem Kopf zu zerschlagen, bis sie platzen. Die drei Gitarristen haben einen Preis im Synchronschwingen von Gitarren verdient.

The Neighbourhood: Die Jungs aus Kalifornien kommen ganz klar aus der Rock-Ecke. Weiß, wie die meisten Mitarbeiter von Apple, Tatoos wohin man auch guckt, Lederjacken und Hosen, Sonnenbrillen im Regenwetter, Gitarren. Der Sound ist aber ueberraschend soulig und groovy, der Sänger, besonders nachdem er die Brille abgenommen hat, strahlt Charisma aus und füllt die Bühne mit seiner Präsenz aus, trotz des recht krispeligen Körperbaus. Könnten durchaus noch bekannter werden, Potential ist auf jeden Fall vorhanden.

Die Antwoord: Dieser Text wird jetzt sexistisch, empfindsame Naturen bitte nicht weiterlesen. Vor zwei Jahren, als ich Die Antwoord auf Southside gesehen habe, ist das Festival damit gelaufen, denn das zu übertreffen war nicht möglich. Damals kannte ich die Videos noch nicht und die Sängerin Yolandi war zu weit weg. Diesmal war ich ca. 20 Meter entfernt und starrte wie gebannt auf diesen wundervollen Hinteren, das ohne eine Spur von Zellolythe im enganliegenden Shorts vor mir wackelte. Beyonce, Shakira und wie ihr alle anderen heisst, ihr habt keine Ahnung, wie wenig man braucht, um einen Mann zu hypnotisieren, damit er inmitten einer hüpfenden Meute mit offenem Mund stehenbleibt und an nichts anderes mehr denkt. Ich weiss gar nicht, warum man die anderen Tänzerinnen mitgebracht hat, die störten nur den Eindruck von diesem perfekten Bauch und Po. Wenn man Yolandi vor Augen hat, braucht man keine Pornos mehr. Natürlich war auch Ninja da, der sich die Zeit damit vertrieb, Stagediving zu machen und Zähne zu fletschen. Und ja, DJ Hi-Tek will fuck you in the ass, till you love it. Welcome to my world, bitch!

The Parov Stelar Band: Senior Coconut benutzt Computer um Latinotänze auf die neue Stufe zu heben. Der Rhythmus wird vom Rechner vorgegeben, die Band drumherum begleitet nur. Denselben Prinzip benutzt The Parov Stelar Band für 20-er Jahre Jazz. Parov Stelar ist für Programming zuständig, der Trompeter, Saxofonist, Drummer und Bassist für das Live-Feeling, wobei man nicht weiss, welcher Sound jetzt woher kommt. Für die Stimme und Party ist eine langbeinige Schönheit zuständig, was ihr sehr gelingt. Der Rhythmus geht sofort ins Bein, man denkt an die nichtbesuchte Tanzschule und versucht ein paar Rock-n-Roll moves nachzumachen. Macht sehr gute Laune und für ein Konzertbesuch mit tanzbegeisterten Partnerin sehr zu empfehlen. Eine sehr nette Idee war es bei den Visuals ein Abspann zu zeigen, wer ausser den Musikern an der Gruppe beteiligt ist.

Beatsticks: Habe mich auf Beatsticks ehrlich gefreut, ein paar Mitgröllsongs kennt man. Es sind auch klasse Band, keine Frage, macht Laune, sorgt für Stimmung, aber am Ende der Tage ist es wieder eine Hardrock-Punk Band, wie es schon so viele gibt, also nicht wirkich was neues. Für Lokal Heros aus Berlin taugen sie ganz gut, aber ich hatte Lust auf was anderes, ging deswegen nach ein paar Songs weiter.

Outcast: Solange ich denken kann erklärt man HipHop immer wieder für tot. Und immer wieder kommt jemand und belebt es wieder. Eine solcher Bands ist zweifellos Outcast. Ich gebe zu, ich kenne mich im HipHop nicht so gut aus, weiss nicht, was JayZ oder Kaynie West am Start haben, aber es macht viel Spaß Outcast zuzuhören, egal ob man die Lieder kennt, oder nicht. Solange es Outcast gibt, ist HipHop nicht totzubekommen.


Während des Aufbaus


Während des Auftritts

Deadmau5: Es ist halb eins, es wird langsam kalt und ich bin müde. Soll ich auf einen mir kaum bekannten Künstler Deadmau5 warten, oder zum Zelt laufen? Ich frage die umstehenden Leute, die meinen Deadmau5 spielt Elektro, aber nicht im Sinne von LMFAO oder Skrillex, sondern Minimal und er trägt eine Mausmaske. Klingt immer noch nicht überzeugend, aber ich beschliesse zu bleiben, die Aufbauten sehen schon mal imposant aus. Es sind so eine Art 3D-Tetrisblöcke, die auf die Bühne geschafft werden, eins wird knapp unters Dach hochgezogen. Jede Blockoberfläche entpuppt sich ais ein Bildschirm. Ausserdem wird ein gigantisches X aus Stroboskopen und Scannern aufgebaut. Es wird dunkel, die ersten Beats ertönen, das Licht geht an und eine Figur mit einer Maske, die eine Mischung zwischen MickeyMouse und Kermit dem Frosch darstellt, klettert hinter den größten Block. Was danach folgt, läßt meine Kinnlade nach unten fallen und nicht wieder hochklappen. Es ist eine Performance vom anderen Stern, nichts daran ist noch menschlich, weder die Sounds, noch die Visuals, die Effekte zeigen, die keinem menschlichen Hirn entsprungen sein können. Und oben steht eine Figur mit grossen runden Ohren und deutet manchmal Klatschen oder Handausstrecken an. Und die Leute verneigen sich vor diesem ausserirdischen Event und folgen der Maus. Die Klänge sind alle synthetisch, nur manchmal wird die Illusion durch den Einsatz von Vocals durchbrochen. Nach zwei durchgetanzten Stunden kehren wir in die irdische Wirklichkeit zurück, Deadmau5 steigt von seinem Podest herunter, nimmt die Maske ab und entpuppt sich als ganz normaler Mensch mit roten Haaren. Aber er ist ein Getriebener, immer auf der Suche nach dem perfekten Sound, nach den nächsten Geräusch den er in seine Tracks einbauen kann, nach der nächsten Inspiration, immer auf eine Überraschung hoffend. Er bittet uns einen Geräusch zu machen. Vielleicht hofft er auf die Intelligenz der Masse, dass wir nach seiner Show uns im Kollektiv was Neues einfallen lassen. Aber es kommt natürlich nur ein kollektives Jauchzen aus vier tausend Kehlen heraus, das läßt sich wohl nicht so gut einbauen, also zieht Deadmau5 enttäuscht ab. Ich gehe zum Zelt und begreife den Sinn meines Berufes. Ich mache Mikroelektronik, damit Leute wie Deadmau5 sie bis zum Äussersten ausreizen können und solche nicht von dieser Welt stammende Sounds und Visuals entwerfen können. Dieser Gedanke beruhigt mich ungemein und ich schlafe ein, träumend von einer Maus, die im Rennwagen durch Lichttunnel flitzt.

Sondaschule: Tag zwei fängt mit der deutschen Band Sondaschule an. Lustiger Ska-Punk, alle ausser dem Sänger sind in grün-schwarze Karo-Anzüge angezogen, die Texte sind intelligent, die Bläserfraktion gut dabei. Es sind schon einige Fans mit T-Shirts unterwegs, bisher macht die Band alles richtig.

Architects: Geschrei aus England im Baumfällerhemd

Broilers: Sehr sympatische Oi-Punk Gruppe aus dem Pott, der Name ist angeblich einem Ossi-Freund eingefallen. Hübsche Bassspielerin, die alle Texte lauthals mitsingt, leider aber eine Pips-Stimme hat, so dass sie nicht ans Mikro ran darf. Politische Einstellung stramm links (bei der Oi-Fraktion weiss man es immer nicht so genau), verbreiten super Stimmung und es macht einfach Spass ihnen zuzuschauen, wie sie das Auftreten lieben. Schaue mir sehr gerne wieder an.


Noch ein paar Eindrücke von Tag 2

Korn & Skrillex: Wie es der Zufall so will traten Korn und Skrillex nacheinander auf. Obwohl die Musik der beiden komplett unterschiedlich ist, gehören beide zu meinen Lieblingsbands und sie haben doch mehr gemeinsam, als auf den ersten Blick erscheint. Beide haben ihre Genres revolutioniert, Korn erfanden nu-Metal, durch Skrillex ist Dubstep populär geworden.

Was ist der Sinn der Kunst? Man kann viele Antworten darauf finden, aber eine Antwort ist es den Zuhörer/Zuschauer zu faszionieren, intellektuell herauszufordern, damit er sich frägt, wie man diese Kunst erschaffen hat, es ist also eine technische Komponente, die den Fortschritt an künstlerischen Arbeitsmitteln dokumentiert. Jede Generation hat ihre Antworten, angefangen mit Höhlenmalereien über die Erfindung des perspektivischen Zeichnens bis zu den modernsten 3D-Effekten im Kino, wo jedes Pixel beliebig veränderbar ist. In der Musik sind es neue Instrumente, neue Ausdrucksformen. In den 70ern waren es Kraftwerk und Can, in den 80ern Die Einstürzenden Neubauten, in den 90ern Bands wie Aphex Twin, The Prodigy und Atari Teenage Riot, die in der Dance Musik neue Massstäbe gesetzt haben, im Rock waren es Rage Against The Machine, Tool, System of a Down und eben Korn, die neue Sounds erfanden. Solche Lieder wie Twist, Daddy oder Blind eröffneten neue Welten, die es zu erkunden gab.

Es gibt eine legendäre Platte, Judgement Night Soundtrack, wo die führenden Dance-Produzenten und Rock-Musiker dieser Zeit aufeinander trafen, damals waren die beiden Sounds gleichberechtigt. Doch was sehen wir jetzt? Jonathan Davis und seine Mannen ziehen noch immer eine perfekte Shows ab, aber Jonathan geht nach jedem Song zu einem Kästchen mit einer Sauerstoffmaske, um Energie zu tanken. Head musste während der Russland-Tour an den Nieren operiert werden, die Band pfeifft also buchstäblich aus dem letzten Loch. Kam in den letzten Jahres nach Korn was Neues im Rock, also kein Geschrammel, was zwar unterhaltsam ist, aber intellektuel herausfordernd? Die Wacken-Besucher werden mir Beispiele von Metal-Bands nennen, die virtuos sind, aber erreichen sie den Massengeschmack?

Auftritt Skrillex. Die Visuals zwar nicht so vom anderen Stern, wie bei Deadmau5, es werden viele Internet-Mems verarbeitet, der Zuschauer kann also mehr was damit anfangen, aber die Sounds sind ähnlich brutal wie bei Korn, aber auf eine komplett andere Art und Weise. Jede Note kann einzeln geändert, alles kann auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt werden, in den letzten zwei Jahren hat Skrillex unglaublich an Breite gewonnen, es werden HipHop, Reggae, ProgRock und fetten Beats fröhlich zusammengemischt, um dem Zuhörer das Gehirn zu formatieren. Wie kann da eine Rockband auch mit aufgemotzten Gitarren und allen möglichen digitalen Effekten dagegenhalten? Der Computer hat gesiegt, es ist kaum vorstellbar, dass Rockmusik noch dagegenhalten kann. Folglich gestehen Korn, dass sie in der Umkleidekabine Dubstep hören und es gibt auch Zusammenarbeit mit Skrillex. Skrillex und Deadmau5 sind die Sieger, sie werden auch als erste die Transzendenz erreichen, da bin ich mir sicher.

Ich kann mir nicht vorstellen, was danach kommen soll. Die komplette Freiheit bei der Gestaltung der Musik ist erreicht, es gibt keine Grenzen mehr. Jeder Sound ist erzeugbar, jedes Geräusch kann aufgenommen und verändert werden. Beliebige Menge an Audiospuren können hinzugefügt, verfremdet und einzeln angesteuert werden. Skrillex, Deadmau5 und andere Künstler zeigen, dass das Potential des Menschen, was Musikerzeugung angeht unendlich ist, für einen Zuhörer ist das Stadium erreicht, an dem die Musik wie jede andere fortgeschrittene Technologie von Magie nicht zu unterscheiden ist. Das war die wichtigste Lehre aus diesjährigem Festival.