Freitag, 22. August 2014

Eindrücke vom Rock’n’Heim 2014

Schon letztes Jahr wurde Rock’n’Heim auf Hockenheimring mit einer Hammer-Lineup als kleiner aber feiner Festival etabliert. Voriges Jahr hat es nicht geklappt hinzufahren, dieses Jahr war die LineUp ähnlich vielversprechend, deswegen packte ich mein Zelt, mein Schottenrock und ein paar andere Utensilien und machte mich auf den Weg ins Badische. Diverse Leute, die mitkomen wollten, blieben allesamt zu Hause, nun ja...

Ein paar Worte zum Festival selbst. Es ist von Marek Lieberg veranstaltet und eigentlich sollte die Organisation perfekt sein, denn wer Rock am Ring schmeissen kann, für den sollte so eine 25.000 Leute Veranstaltung eigentlich mit links zu erledigen sein, aber es gab einige Dinge zu verbessern:

- Von dem entferntesten Camping-Platz zur Bühne waren 20 min zu laufen. Zwei mal zum Zelt und zurück, schon ist man fast 1 ½ Stunden unterwegs. Wenn es einen zweiten Eingang gegeben hätte, wäre der Weg um die Hälfte kürzer. Ein Pluspunkt waren die Campingplätze selbst. Durch Raumteiler konnte man sein Zelt bequem aufschlagen, ohne den anderen Platz wegzunehmen.
- Vom Camping-Platz zum Bahnhof waren 2,5 km Entfernung. Ein Shuttle wäre nett gewesen
- Recht schlechte Information wann welche Band wo auftritt. Klar, die Generation Smartphone hat ihre Festival-Apps, aber der Akku ist irgendwann leer und es gibt keine Möglichkeit es aufzuladen. Es müssen keine Heftchen sein, die zum Müllaufkommen beitragen, aber zumindest Handzetteln, die an den Campingplätzen verteilt wären, wäre eine gute Idee gewesen
- Zwischen beiden Bühnen musste man recht weiten Umweg laufen, direkter Weg war irgendwarum abgesperrt
- The Prodigy war der Hauptakt um 21:00 am Sonntag. Wenn man bedenkt, dass Freitag in Ba-Wü kein Feiertag war, dann musste man sich Freitag und Montag freinehmen, um alle guten Konzerte mitnehmen zu können, nicht alle sind faule Schüler und Studenten. Insgesamt war der Zeitplan optimierungsfähig
- Für mein Geschmack war zu viel Security unterwegs, die recht auffällig bekleidet war. Vom Southside kennt man das nicht, die gewisse Anarchie, die auf solchen Festivals entsteht, gedeiht am besten, wenn keine Security auffällt. Immerhin waren die Securities freundlich, haben mit den weiblichen Besucherinnen geflirtet und zu Musik genickt. Angeblich wurden ein paar Rauchbomben geworfen und Fackeln angezündet, da waren die Leute gleich zur Stelle, danke schön.
- Wie gesagt, die lockere Stimmung von Southside war nicht da. Nur ein notgeiler Typ mit Free Hugs Schild, die Nachfragen nach „traditionellem“ Tragen von Schottenrock kamen nur von besoffenen Kerlen, T-Shirts wurden auch keine hochgerissen. Vielleicht lag es auch an der Umgebung, Southside-Gelände ist eher festival-geeignet, am Hockenheim-Ring fühlte man sich eingesperrt, die Gebäude sind für Massenveranstaltungen konzipiert und sind zumindest für meinen Geschmack etwas zu steril und auf Kommerz getrimmt. Es kommt Verdacht auf, dass man das Festival in Veranstaltungskalender reingequetscht hat, um die leeren Kassen von Hockenheimring etwas zu füllen. Ob die Rechnung aufgegangen ist, wird man sehen, angeblich hat man mit 40.000 Leuten gerechnet, gekommen sind 25.000.


Das Wetter war etwas instabil


Aber die Besucher haben sich gut darauf eingestellt

Jetzt zu den einzelnen Bands:

The Kyle Gass Band: Die Band vom anderen Typen (also nicht vom Jack Black) von Tenacious D. Solider Rock mit etwas Country. Etwas ernstere Ausgabe von Tenaciuos D, vielleicht werden sie bekannter, vielleicht aber auch nicht

Wirtz: Frankfurter Jung Wirtz mit dem Song LMA, den er allen Studienbossen widmet, die sein Demotape abgelehnt haben. Spielt mit der Attitüde von ganz unten sich zum Nachmittagsakt von Rock’n’Heim hochgearbeitet zu haben, lieber zu hungern, aber das zu machen, was ihm Spass macht. Hat schon einige weibliche Fans, die alle Lieder mitsingen.

Airbourne: Wo AC/DC angefangen haben, da sind Airbourne stehengeblieben. Als Bon Scott starb, wanderte seine Seele wohl in den Kopf vom Sänger von Airborne. Der hat nichts besseres damit zu tun, als Bierdosen gleich reihenweise an eben diesem Kopf zu zerschlagen, bis sie platzen. Die drei Gitarristen haben einen Preis im Synchronschwingen von Gitarren verdient.

The Neighbourhood: Die Jungs aus Kalifornien kommen ganz klar aus der Rock-Ecke. Weiß, wie die meisten Mitarbeiter von Apple, Tatoos wohin man auch guckt, Lederjacken und Hosen, Sonnenbrillen im Regenwetter, Gitarren. Der Sound ist aber ueberraschend soulig und groovy, der Sänger, besonders nachdem er die Brille abgenommen hat, strahlt Charisma aus und füllt die Bühne mit seiner Präsenz aus, trotz des recht krispeligen Körperbaus. Könnten durchaus noch bekannter werden, Potential ist auf jeden Fall vorhanden.

Die Antwoord: Dieser Text wird jetzt sexistisch, empfindsame Naturen bitte nicht weiterlesen. Vor zwei Jahren, als ich Die Antwoord auf Southside gesehen habe, ist das Festival damit gelaufen, denn das zu übertreffen war nicht möglich. Damals kannte ich die Videos noch nicht und die Sängerin Yolandi war zu weit weg. Diesmal war ich ca. 20 Meter entfernt und starrte wie gebannt auf diesen wundervollen Hinteren, das ohne eine Spur von Zellolythe im enganliegenden Shorts vor mir wackelte. Beyonce, Shakira und wie ihr alle anderen heisst, ihr habt keine Ahnung, wie wenig man braucht, um einen Mann zu hypnotisieren, damit er inmitten einer hüpfenden Meute mit offenem Mund stehenbleibt und an nichts anderes mehr denkt. Ich weiss gar nicht, warum man die anderen Tänzerinnen mitgebracht hat, die störten nur den Eindruck von diesem perfekten Bauch und Po. Wenn man Yolandi vor Augen hat, braucht man keine Pornos mehr. Natürlich war auch Ninja da, der sich die Zeit damit vertrieb, Stagediving zu machen und Zähne zu fletschen. Und ja, DJ Hi-Tek will fuck you in the ass, till you love it. Welcome to my world, bitch!

The Parov Stelar Band: Senior Coconut benutzt Computer um Latinotänze auf die neue Stufe zu heben. Der Rhythmus wird vom Rechner vorgegeben, die Band drumherum begleitet nur. Denselben Prinzip benutzt The Parov Stelar Band für 20-er Jahre Jazz. Parov Stelar ist für Programming zuständig, der Trompeter, Saxofonist, Drummer und Bassist für das Live-Feeling, wobei man nicht weiss, welcher Sound jetzt woher kommt. Für die Stimme und Party ist eine langbeinige Schönheit zuständig, was ihr sehr gelingt. Der Rhythmus geht sofort ins Bein, man denkt an die nichtbesuchte Tanzschule und versucht ein paar Rock-n-Roll moves nachzumachen. Macht sehr gute Laune und für ein Konzertbesuch mit tanzbegeisterten Partnerin sehr zu empfehlen. Eine sehr nette Idee war es bei den Visuals ein Abspann zu zeigen, wer ausser den Musikern an der Gruppe beteiligt ist.

Beatsticks: Habe mich auf Beatsticks ehrlich gefreut, ein paar Mitgröllsongs kennt man. Es sind auch klasse Band, keine Frage, macht Laune, sorgt für Stimmung, aber am Ende der Tage ist es wieder eine Hardrock-Punk Band, wie es schon so viele gibt, also nicht wirkich was neues. Für Lokal Heros aus Berlin taugen sie ganz gut, aber ich hatte Lust auf was anderes, ging deswegen nach ein paar Songs weiter.

Outcast: Solange ich denken kann erklärt man HipHop immer wieder für tot. Und immer wieder kommt jemand und belebt es wieder. Eine solcher Bands ist zweifellos Outcast. Ich gebe zu, ich kenne mich im HipHop nicht so gut aus, weiss nicht, was JayZ oder Kaynie West am Start haben, aber es macht viel Spaß Outcast zuzuhören, egal ob man die Lieder kennt, oder nicht. Solange es Outcast gibt, ist HipHop nicht totzubekommen.


Während des Aufbaus


Während des Auftritts

Deadmau5: Es ist halb eins, es wird langsam kalt und ich bin müde. Soll ich auf einen mir kaum bekannten Künstler Deadmau5 warten, oder zum Zelt laufen? Ich frage die umstehenden Leute, die meinen Deadmau5 spielt Elektro, aber nicht im Sinne von LMFAO oder Skrillex, sondern Minimal und er trägt eine Mausmaske. Klingt immer noch nicht überzeugend, aber ich beschliesse zu bleiben, die Aufbauten sehen schon mal imposant aus. Es sind so eine Art 3D-Tetrisblöcke, die auf die Bühne geschafft werden, eins wird knapp unters Dach hochgezogen. Jede Blockoberfläche entpuppt sich ais ein Bildschirm. Ausserdem wird ein gigantisches X aus Stroboskopen und Scannern aufgebaut. Es wird dunkel, die ersten Beats ertönen, das Licht geht an und eine Figur mit einer Maske, die eine Mischung zwischen MickeyMouse und Kermit dem Frosch darstellt, klettert hinter den größten Block. Was danach folgt, läßt meine Kinnlade nach unten fallen und nicht wieder hochklappen. Es ist eine Performance vom anderen Stern, nichts daran ist noch menschlich, weder die Sounds, noch die Visuals, die Effekte zeigen, die keinem menschlichen Hirn entsprungen sein können. Und oben steht eine Figur mit grossen runden Ohren und deutet manchmal Klatschen oder Handausstrecken an. Und die Leute verneigen sich vor diesem ausserirdischen Event und folgen der Maus. Die Klänge sind alle synthetisch, nur manchmal wird die Illusion durch den Einsatz von Vocals durchbrochen. Nach zwei durchgetanzten Stunden kehren wir in die irdische Wirklichkeit zurück, Deadmau5 steigt von seinem Podest herunter, nimmt die Maske ab und entpuppt sich als ganz normaler Mensch mit roten Haaren. Aber er ist ein Getriebener, immer auf der Suche nach dem perfekten Sound, nach den nächsten Geräusch den er in seine Tracks einbauen kann, nach der nächsten Inspiration, immer auf eine Überraschung hoffend. Er bittet uns einen Geräusch zu machen. Vielleicht hofft er auf die Intelligenz der Masse, dass wir nach seiner Show uns im Kollektiv was Neues einfallen lassen. Aber es kommt natürlich nur ein kollektives Jauchzen aus vier tausend Kehlen heraus, das läßt sich wohl nicht so gut einbauen, also zieht Deadmau5 enttäuscht ab. Ich gehe zum Zelt und begreife den Sinn meines Berufes. Ich mache Mikroelektronik, damit Leute wie Deadmau5 sie bis zum Äussersten ausreizen können und solche nicht von dieser Welt stammende Sounds und Visuals entwerfen können. Dieser Gedanke beruhigt mich ungemein und ich schlafe ein, träumend von einer Maus, die im Rennwagen durch Lichttunnel flitzt.

Sondaschule: Tag zwei fängt mit der deutschen Band Sondaschule an. Lustiger Ska-Punk, alle ausser dem Sänger sind in grün-schwarze Karo-Anzüge angezogen, die Texte sind intelligent, die Bläserfraktion gut dabei. Es sind schon einige Fans mit T-Shirts unterwegs, bisher macht die Band alles richtig.

Architects: Geschrei aus England im Baumfällerhemd

Broilers: Sehr sympatische Oi-Punk Gruppe aus dem Pott, der Name ist angeblich einem Ossi-Freund eingefallen. Hübsche Bassspielerin, die alle Texte lauthals mitsingt, leider aber eine Pips-Stimme hat, so dass sie nicht ans Mikro ran darf. Politische Einstellung stramm links (bei der Oi-Fraktion weiss man es immer nicht so genau), verbreiten super Stimmung und es macht einfach Spass ihnen zuzuschauen, wie sie das Auftreten lieben. Schaue mir sehr gerne wieder an.


Noch ein paar Eindrücke von Tag 2

Korn & Skrillex: Wie es der Zufall so will traten Korn und Skrillex nacheinander auf. Obwohl die Musik der beiden komplett unterschiedlich ist, gehören beide zu meinen Lieblingsbands und sie haben doch mehr gemeinsam, als auf den ersten Blick erscheint. Beide haben ihre Genres revolutioniert, Korn erfanden nu-Metal, durch Skrillex ist Dubstep populär geworden.

Was ist der Sinn der Kunst? Man kann viele Antworten darauf finden, aber eine Antwort ist es den Zuhörer/Zuschauer zu faszionieren, intellektuell herauszufordern, damit er sich frägt, wie man diese Kunst erschaffen hat, es ist also eine technische Komponente, die den Fortschritt an künstlerischen Arbeitsmitteln dokumentiert. Jede Generation hat ihre Antworten, angefangen mit Höhlenmalereien über die Erfindung des perspektivischen Zeichnens bis zu den modernsten 3D-Effekten im Kino, wo jedes Pixel beliebig veränderbar ist. In der Musik sind es neue Instrumente, neue Ausdrucksformen. In den 70ern waren es Kraftwerk und Can, in den 80ern Die Einstürzenden Neubauten, in den 90ern Bands wie Aphex Twin, The Prodigy und Atari Teenage Riot, die in der Dance Musik neue Massstäbe gesetzt haben, im Rock waren es Rage Against The Machine, Tool, System of a Down und eben Korn, die neue Sounds erfanden. Solche Lieder wie Twist, Daddy oder Blind eröffneten neue Welten, die es zu erkunden gab.

Es gibt eine legendäre Platte, Judgement Night Soundtrack, wo die führenden Dance-Produzenten und Rock-Musiker dieser Zeit aufeinander trafen, damals waren die beiden Sounds gleichberechtigt. Doch was sehen wir jetzt? Jonathan Davis und seine Mannen ziehen noch immer eine perfekte Shows ab, aber Jonathan geht nach jedem Song zu einem Kästchen mit einer Sauerstoffmaske, um Energie zu tanken. Head musste während der Russland-Tour an den Nieren operiert werden, die Band pfeifft also buchstäblich aus dem letzten Loch. Kam in den letzten Jahres nach Korn was Neues im Rock, also kein Geschrammel, was zwar unterhaltsam ist, aber intellektuel herausfordernd? Die Wacken-Besucher werden mir Beispiele von Metal-Bands nennen, die virtuos sind, aber erreichen sie den Massengeschmack?

Auftritt Skrillex. Die Visuals zwar nicht so vom anderen Stern, wie bei Deadmau5, es werden viele Internet-Mems verarbeitet, der Zuschauer kann also mehr was damit anfangen, aber die Sounds sind ähnlich brutal wie bei Korn, aber auf eine komplett andere Art und Weise. Jede Note kann einzeln geändert, alles kann auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt werden, in den letzten zwei Jahren hat Skrillex unglaublich an Breite gewonnen, es werden HipHop, Reggae, ProgRock und fetten Beats fröhlich zusammengemischt, um dem Zuhörer das Gehirn zu formatieren. Wie kann da eine Rockband auch mit aufgemotzten Gitarren und allen möglichen digitalen Effekten dagegenhalten? Der Computer hat gesiegt, es ist kaum vorstellbar, dass Rockmusik noch dagegenhalten kann. Folglich gestehen Korn, dass sie in der Umkleidekabine Dubstep hören und es gibt auch Zusammenarbeit mit Skrillex. Skrillex und Deadmau5 sind die Sieger, sie werden auch als erste die Transzendenz erreichen, da bin ich mir sicher.

Ich kann mir nicht vorstellen, was danach kommen soll. Die komplette Freiheit bei der Gestaltung der Musik ist erreicht, es gibt keine Grenzen mehr. Jeder Sound ist erzeugbar, jedes Geräusch kann aufgenommen und verändert werden. Beliebige Menge an Audiospuren können hinzugefügt, verfremdet und einzeln angesteuert werden. Skrillex, Deadmau5 und andere Künstler zeigen, dass das Potential des Menschen, was Musikerzeugung angeht unendlich ist, für einen Zuhörer ist das Stadium erreicht, an dem die Musik wie jede andere fortgeschrittene Technologie von Magie nicht zu unterscheiden ist. Das war die wichtigste Lehre aus diesjährigem Festival.

Freitag, 9. Mai 2014

Im Himmel und der Hölle von Wien

„Du fährst nach Wien? - Ach, wie schön. Du musst unbedingt in das Lokal xy gehen“, so der einhelliger Ton aller Bekannten und Kollegen, wobei xy bei jedem für ein anderes Lokal stечт. „Grüße schön Wien von mir“, säuselt Kollegin Marianne durch den Telefonhörer. Vor vier Jahren war ich drei Tage in Wien, aber während der jetzigen fünf Tagen gab es kaum ein Programmpunkt, den ich wiederholt habe. Wien ist zu vielfältig, als dass man der Gefahr läuft etwas zweimal machen zu müssen.

Tag 1: Wir kommen spät abends an und fahren gleich in die JuHe. Komplett neugebaut, mit kahlen, aber sehr durchdachten Zimmern, die Betten sind auf Rollen, kann man zusammen-, oder auseinanderschieben, das Fenster auf die laute, aber kaum hörbare Strasse hin, kann man nicht aufmachen, die Luft ist aber immer gut, ist alles auf Energiesparen optimiert. Die Adresse ist Adalbert-Stifter-Strasse 73, zum Preis von 50 EUR / Nacht für ein Doppelbettzimmer mit ausreichendem Frühstück, kann man eigentlich nichts falsch machen.

Tag 2: Wir fahren zum Schloss Schönbrunn, die Sommerresidenz von Kaiserin Maria Theresia und allen nachfolgenden Monarchen, bis zu Franz-Josef I und seiner Frau Elisabeth, besser bekannt als Sisi, der ersten Celebrity überhaupt. Ihrer Schönheit wohlbewusst, versuchte sie sie so lange wie möglich zu erhalten, hielt strenge Diäten, trieb jede Menge Sport, reiste zum Vergnügen in der Gegend, während ihr Workaholik-Mann zu Hause für das Wohl des Landes schuftete, liess sich irgendwann nicht mehr fotografieren und starb durch ein Attentat am Genfer See. Also eine sehr moderne Frau (bis auf das Attentat natürlich). Und wie es für einen Celebrity gehört, wurde und wird bis heute ihr Leben hemmungslos ausgeschlachtet, wäre interessant zu wissen, ob jemand noch die Tantiemen einstreicht. Ihr Leben wird verfilmt, auch als Zeichentrickfilm, es gibt ein Sisy-Museum, ein Sisy-Musical, unzählige Abbildungen auf unzähligen Merchandising-Artikeln. Als Identifikationsfigur für kleine Mädchen mit einem Hang zu Pferden und Anorexie ist sie ideal.

Das Schloss selbst ist durchaus prachtvoll, kann sich mit Schlössern in St. Petersburg oder Versailles aber kaum messen, vielleicht nur was die Anzahl der Besucher angeht. Doch was sehr schön ist, das ist der Park.

Die Bäume sind nach barocken Art in geometrischen Formen beschnitten, man geht eine grüne Wand entlang zu sehr schönen und riesigen Skulpturen von Neptun, zu einer Gloriette auf dem Hügel von wo man einen weiten Blick auf Wien hat, zu den Labyrinthen, es gibt auch einen Zoo im Schönbrunn. Man kann locker den ganzen Tag dort verbringen.

Abends gehen wir in die Kammeroper, natürlich zu einer Mozart-Oper. Diesmal allerdings keine sonderlich bekannte, sie heisst La clemenza di Tito, die Großmut des Titos. Das besondere an der Kammeroper ist, dass es junge Opernsänger sind, die richtig Lust am Spielen und Singen haben und es schwebte eine Magie in der Luft, die mich komplett überzeugte. Vielleicht liegt es an der Wiener Luft, aber ich war selten so begeistert von einer Opern-Aufführung, wie von dieser. Absolut und unbedingt zu empfehlen, vorher sich entsprechend kleiden, die Wiener legen erheblich mehr Wert auf Ausgehkleidung als die flapsigen Berliner. Abgerundet wird der Abend im Griechenbeisl, dem ältesten Beisl in Wien, wo angeblich der Bänkelsänger Augustin ein Lied verfasste, das zur inoffiziellen Hymne Österreichs nach dem 1. Weltkrieg wurde: Ach Du lieber Augustin, alles ist hin.

Tag 2: Heute ist der 1. Mai, also fahren wir in die Stadt und gehen zum Rathaus. Dort ist die Wahlkampfdemo der SPÖ, mit dabei der Bürgermeister der Stadt Wien, der österreichische Bundeskanzler, alle Frauen tragen rot, es werden rote Luftballons und Fahnen geschwenkt, auf manchen ist noch Hammer und Sichel drauf.

Es wird „Die Internationale“ gesungen, also ein Lied das man in Deutschland auch nicht alle Tage hört. Es wäre interessant junge europäische Sozialdemokraten zu testen, wer zumindest die erste Strophe noch kann. Ich wette osteuropäische Sozis werden da kläglich durchfallen. Zur Erinnerung:

Eigentlich ist die Assoziation mit Wien immer als mit einer konservativen Stadt, doch wenn man bedenkt, dass Anfang des 20. Jahrhunderts nach Wien genauso die Arbeiter aus allen Teilen der k.u.k Monarchie strömten wie ins preussische Berlin, dann ist es kein Wunder, dass die Arbeiterbewegung eine lange Tradition auch im bürgerlichen Wien hat. Und von Traditionenerhalten, davon verstehen die Wiener einiges.

Wien ist eine unglaublich internationale Stadt. Man hört ganz Ost-Europa in unterschiedlichen slawischen Sprachen sich unterhalten, die einzige Sprache, die man nicht zuordnen kann, muss Ungarisch sein. Natürlich sind viele Touristen da, aber auch viele Zugereiste, Wien ist nach wie vor ein Magnet für die ehemaligen k.u.k Länder.


Da singt einer was vom Pferd

Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass die UNO neben New York und Genf ihren Sitz im neutralen Österreich bzw. Wien hat. Und die allgegenwärtigen Russen haben wohl heftig in die besten Wohnlagen im 1. Bezirk investiert, wenn man dem Wiener Schmäh Glauben schenken darf.


Krim ist auch in Wien

Weg von den Sozis, rein in das Wien von Franz-Josef, das sich am Westring befindet. Maria-Theresia trönt auf einem riesigen Podest, links und rechts Prachtgebäude. Wir gehen zu der Karlskirche. Die Votivkirche für den Pestheiligen Karl Borromäus wurde erbaut, um die Pest von der Stadt abzuwenden, was auch geklappt hat, nach dem Bau der Kirche gab es keine Pestepidemie in Wien mehr.

Die barocke Kirche wird gerade restauriert, das Gerüst reicht zu der Decke und ein Fahrstuhl fährt ca. 30 Meter hoch. Die ganz Mutigen können noch eine Treppe hochsteigen und sind dann beim Heiligen Geist angekommen. Muss ein ganz energetischer Ort sein, denn genau dort konzentriert sich die Energie aller Gebete, bevor sie den Himmel hinauf strömt. Die Wände beim Heiligen Geist sind mit Graffiti beschmiert, denn wenn das Gerüst abgebaut ist, dann kommt niemand mehr so einfach nach oben, um es zu entfernen.

Abends gehen wir noch ins Leopold-Museum, um die Bilder von Egon Schiele, Gustav Klimt, Richard Gerstl, Oskar Kokoschka und anderen Künstlern von Fin de Siecle anzuschauen. Auf diese Protagonisten komme ich noch später zu sprechen.


Kalte Dusche direkt auf der Strasse

Tag 3: Die Altstadt. Wien war als die Hauptstadt des größten europäischen Imperiums geplant, aber die Geschichte wollte es anders, deswegen ist Wien die Hauptstadt vom kleinen Österreich. Trotzdem tut Österreich sein bestes, um die Wiener Architektur zu erhalten, die Touristen helfen fleissig mit.

Es ist eine Art Perpetuum Mobile, die Touristen kommen wegen der Architektur und lassen Geld da. Das Geld wird in die Erhaltung der Architektur investiert, die Touristen kommen wieder. Wir als ordentliche kulturinteressierte Touristen besuchen die Kirchen der dominikanischen, franziskanischen, jesuitischen Orden. Die Kirche vom Zisterzienserorden ist geschlossen. Die Synagoge ist nur als Mahnmal erhalten. Dann gehen wir zu der Ruprechts-Kirche, die älteste Kirche von Wien, und natürlich ins Stephansdom.


Ruprechts-Kirche, die älteste Kirche Wiens


Das, was von der Synagoge übrig blieb


Nein, das ist keine Kirche, sondern ein Feuerwehrgebäude

Um meine morbide Gefühle zu befriedigen, steigen wir in die Gruft der Habsburger, die sich unter der Kirche der Kapuziner befindet. Dort befinden sich 151 Särge, manche nur schlicht, in andere, wie von Maria Theresia passt ein Kleinwagen gut rein. Auch die Särge von Franz-Josef, Sisi und ihrem Sohn Rudolph, der Selbstmord beging, stehen dort. Entgegen meiner Befürchtungen gab es keine Teddybären am Sisis Sarg, aber ein Kranz mit ungarischen Bändern und Blumen. Am Sarg von Karl I und Zita, dem letzten Kaiserehepaar, liegt ein Kranz von den tschechischen Fans der Monarchie. Der Tod, der ist ein Wiener, pflegt man hier zu sagen.

Pause wird in Cafe Central gemacht, einem der Plätze wo die Kaffeehausliteraten tagelang sich die Zeit vertrieben. Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Leo Trotzky waren Stammgäste, der Poet Peter Altenberg verlegte seine Postadresse in Cafe Central. Diese Zeiten sind lange vorbei. Cafe Central ist zum Äquivalent des Münchener Hofbräuhauses geworden, die Umgebung ist da, die Kellner tragen Anzüge mit Fliegen, es gibt alle berühmten Wiener Mehlspeisen und Kaffeesorten. Doch das Publikum hat sich gewandelt. Niemand bleibt länger als für eine Stunde sitzen, es muss noch so viel angeschaut werden! Niemand philosophiert mit dem Nachbarn rum, schon eine gemeinsame Sprache zu finden ist nicht einfach. Und kaum jemand zieht sich so an, wie Peter Altenberg, der immer noch an seinem Stammtisch sitzt, Turnschuhe und kurze Hosen rulen.

Abends gehen wir dann in die Volksoper, um dort Ballett „Ein Reigen“ zu sehen. Die gebildeteren Leser werden sofort wissen, um was es geht, um ein Roman von Arthur Schnitzler in dem die Pärchen ständig wechseln.

Doch warum soll man ausgedachte Personen nehmen, wenn das Leben selbst die schönsten Geschichten schreibt? Man nehme die realexistierende Personen des ausgehenden 19. Jahrhunderts und des anfangenden 20. und erzähle ihre echten Geschichten, da ist schon ein Reigen fertig. Da wäre der Maler Richard Gerstl, der sich in die Frau des Kompositors Arnold Schönberg Mathilde verliebt und sie sich in ihn. Doch um bürgerlichen Anstand zu wahren, entscheidet sie sich am Ende für ihren Mann und der Maler wählt den Freitod. Oder die Alma, die zuerst mit dem Maler Gustav Klimt schäkert, danach mit dem Komponisten Alexander von Zemlinsky eine Affäre hat, den älteren Komponisten Gustav Mahler heiratet, nach dessen Tod mit dem Maler Oskar Kokoschka eine Liaison hat und den Architekten Walter Gropius heiratet. Nach der Scheidung von Gropius wird sie Ehefrau von dem Schriftsteller Franz Werfel. Dann gibt es noch den sensiblen Maler Egon Schiele, der seine langjährige Freundin Edith heiratete, obwohl er viel lieber eine Dreiecksbeziehung mit seinem Model und Muse Wally Neuzil eingegangen wäre. Wally starb 1917, 24-jährig an Scharlach, Egon und seine Frau 28-jährig an Spanischer Grippe ein Jahr später. Also viel Liebe, viel Drama, viel Tod. So viel Leid und Glück müssen analysiert werden, also ist Dr. Sigmund Freud auch nicht weit und Schnitzler, ein ausgebildeter Psychologe legen die Tänzer auf die Couch und tanzen ihnen was vor.

Nach dem Ballett gehen wir ins Restaurant Weimar. Das ist wirklich ein Restaurant wo die Kellner Schnauzer tragen, sich mit Verliebtheit und Frühlingsgefühlen entschuldigen, falls sie was vergessen haben und das Essen absolut österreichisch und sehr gut ist. Auch keine Touristen, sondern ältere Opis, die sich laut über die politischen Geschehnisse unterhalten, als ob Österreich tatsächlich noch eine grosse Rolle in der Weltpolitik spielen würde.

Tag 4: Nachdem wir den tanzenden Sigmund Freud gesehen haben, wollen wir auch seine Praxis besuchen.

Das einzige Zimmer mit Originalmöbeln ist das Wartezimmer, die berühmte Coach steht in England, denn dorthin emigrierte Freud mit seiner Familie, nachdem die Nazisten die Psychoanalyse zu einer jüdischen Pseudowissenschaft erklärten und die Wohnung mehrere Male durchsuchten. Ansonsten gibt es viele Photos und vollgestopfter Souveniershop. Ich habe mir das Buch mit den Briefen zwischen Freud und Einstein über das Wesen der Kriege gekauft.

Als Franz-Josef seine Sisi fragte, was sie sich von ihm wünschte und bestimmt mit einer Antwort wie: „Ach Schatz, schenk mir doch eine Sommerresidenz“ rechnete, bekam er folgendes zu hören: „Schatz, ich wünsche mir eine moderne psychiatrische Anstalt für Frauen“. Ein Kaiser steht zu seinem Wort, also wurde auf einem von die Stadt umgebenden Hügeln die seinerzeit modernste psychiatrische Anstalt gebaut. Jede Anstalt braucht eine Kirche, also wurde auch die Kirche am Steinhof vom Otto Wagner gebaut. Und weil zu dieser Zeit der Jugendstil das Nonplusultra war, wurde die Kirche komplett in diesem Stil erbaut. Dem Kaiser hat es nicht gefallen, dem Erzherzog Franz Ferdinand noch weniger, aber für den Liebhaber des Jugendstils ist es die schönste moderne Kirche.


Wenn man sich genau unter den Lüster stellt, sieht man einen perfekten Stern

Es ist recht kalt, also fahren wir ins Amalienbad, um sich dort aufzuwärmen. Amalienbad ist im Art-Deco-Stil gebaut, kann sich mit den Prachtbädern in Budapest nicht messen, aber es hat noch diese alte Umziehkabinen, die man mit Kleidern abschliessen kann und schönen Saunabereich.

Wir begehen einen strategischen Fehler. Meine Freundin schwärmt mir von dem Eispalais Tichy was vor, mit dem besten Eis der Welt, aber ich möchte erst was ordentliches essen, und das Eis erst als Nachtisch. FEHLER!

Beim Tichy ist das Eis die Vorspeise, der Hauptgang und der Nachtisch. Man möchte sich durch die ganze Karte durchessen, es gibt Eismarienknödel, Himbeer-Eisknödel, Rotweineis aus Chateau Neuf Du Pape und Beaujolais, es gibt Eistorten, geeiste Orange und vieles, vieles mehr. Und man kann mir sonst was von handgemachtem italienischen Eis in der Türkenstrasse erzählen, Tichy-Eis ist das beste Eis der Welt, es gibt da genauso keine Diskussion, wie beim Tannenzäpfle.

Tag 5: Es gibt Städte, die mit einem Buch untrennbar verbunden sind. „Ulysses“ und Dublin, „Berlin Alexanderplatz“ und Berlin, „Die Buddenbrooks“ und Lübeck. Für Wien heisst der entsprechende Roman „Die Strudlhofstiege“ und er wurde von Heimito von Doderer geschrieben. Es spielt im 9.Bezirk und dreht sich hauptsächlich um den etwas dusseligen Amtsrat Melzer, der von einer Vielzahl von Personen umkreist wird, unter anderem vom gar nicht so dusseligem René von Stangeler, dem Alter Ego von Doderer, der bei Frauen nichts anbrennen lässt. Nachdem ich von meiner Freundin vor die Wahl gestellt wurde, dass sie nur denjenigen heiratet, der dieses Buch durchgelesen hat (verstehe einer die Frauen), habe ich mir die Hörbuchversion angehört (die natürlich die wichtigsten Stellen weggelassen hat, deswegen wird doch noch nicht geheiratet). Und natürlich gingen wir ins Doderer-Museum, das im Stadtbezirkmuseum sich befindet und gingen auch zu der Strudlhofstiege, wo wir uns wie die Tochter des Oberbaurats Ingrid Schmeller und der Legationsrat Semski verhielten, bevor der alte Schmeller sie entdeckte.

Danach spazierten wir zum Augarten, wo Mary K. mit ihrem Gatten Oskar (der Zecke, wie der rumänische Arzt Dr. Negria ihn nannte), gegen den Legationsrat Semski Tennis gespielt und verloren hat. Nach so einem Spaziergang bekommt man Hunger, also wieder zum Restaurant Weimar, der komischerweise von Doderer nicht erwähnt wurde, obwohl es ihn zu seiner Zeit schon gegeben haben muss, um dort einen Wiener Schnitzel zu essen und einen kleinen Braunen zu trinken.


Fernwärmegebäude in Wien, von Friedrich Hundertwasser gestaltet

Dann wurde es Zeit wieder Abschied von Wien zu nehmen. Aber wir kommen wieder, keine Frage.